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Zwischen Tradition, Landschaftspflege und Naturschutz

Bis Ende des 18. Jahrhunderts war die Schafhaltung in Deutschland eine Erfolgsstory. Millionen Schafe wurden nur für die Wollproduktion gehalten. Noch im 19. Jahrhundert weideten knapp 900.000 Schafe allein in Baden und Württemberg – mehr als in Frankreich und Spanien zusammen. Doch heute kämpfen die Schäfer in Deutschland an vielen Fronten. Nicht nur der Wolf macht ihnen gelegentlich zu schaffen, besonders die zunehmende Bürokratie zwingt viele Schäfer zur Geschäftsausgabe. Die Schäferei droht auszusterben. Zwischen 2010 und 2016 mussten 13% der Betriebe in Deutschland aufgeben. 

Die Gründe für die sinkenden Zahlen der Schafhalter in Deutschland sind vielfältig: Auf der einen Seite stehen die fehlenden Einnahmequellen aus dem Verkauf von Schafprodukten wie Wolle und Fleisch. Auf der anderen Seite hängt mittlerweile die Existenz vieler Schäfer von Förderungen für die Landschaftspflege ab. Für Wanderschäfer stehen jedoch immer weniger Wege und Flächen zur Verfügung. Gerade sie sind aber darauf angewiesen, denn ist eine Weidefläche leer gefressen, müssen die Schäfer mit ihren Tieren weiterziehen. Ehemalige Triebwege sind mittlerweile immer mehr durch Straßen und Bebauungen zerschnitten oder unpassierbar, für jeden Landkreis müssen Treibgenehmigungen eingeholt werden. Und eine Schafherde mit 400 Schafen transportiert man nicht einfach mit dem Auto. Außerdem fehlt es den Schafhirten an Nachwuchs. Doch gäbe es in Deutschland künftig weniger Schafherden, hätte das auch für die Umwelt fatale Folgen.

Einer der wenigen, die noch durchhalten und für den Erhalt der Wanderschäferei kämpfen, ist Knut Kucznik aus Atlandsberg in Brandenburg, nicht weit von Berlin. Der 50-Jährige ist einer der letzten Wanderschäfer Deutschlands, er hütet seit 38 Jahren Schafe. Knut Kucznik ist ein Mann von imposanter Statur und mit einem ordentlichen Bäuchlein. Seine Kleidung ist derb und praktisch. Der Hut mit der breiten Krempe ist so, wie es sich für einen Schäfer gehört. Doch Kucznik gibt seinem Äußeren auch etwas Verwegenes: Drei-Tage-Bart, goldener Ohrring und Hosenträger. Das Haar ist über den Ohren breit abrasiert und hinten aus dem Hut schaut ein eng geflochtener Zopf heraus. „Wir Hirten gelten in dieser wohl-organisierten Welt als gefährlich: Wir sind nicht richtig sesshaft, ziehen ständig umher, können nicht so richtig in die Normen der Verwaltung gepresst werden. Wir sind frei, und Freiheit spielt in meinem Leben eine große Rolle.“ Genau deshalb hat Kucznik diesen Beruf erlernt.

Knut Kucznik ist ein Frühaufsteher. Immer etwas nervös, ein Energiebündel von Mensch. Früh am Morgen ist es noch kalt, Dunst liegt über den Feldern, doch der Himmel strahlt. Die Sonne steht noch niedrig. Es ist 8 Uhr am Morgen. Bevor Knut Kucznik auf die Schlafkoppel zu seinen Schafen fahren kann um sie nach einer kalten Nacht zu einer fetten Weide zu führen, muss er noch etwas Wichtiges erledigen: Fußpflege bei seinen drei besten Zuchtböcken. Er muss sie trimmen, schick machen für die Auktion, bei der er sie versteigern will. Er wiegt sie, schneidet ihnen die Klauen und bürstet ihnen den Alltagsdreck aus der dicken Wolle. „Es ist wie bei einem Mannequin. Das steigt auch nicht morgens aus dem Bett und geht sofort auf den Laufsteg.“ Denn Kucznik hat einen Traum: Er will den besten Bock von Deutschland züchten.

Knut Kucznik besitzt nicht nur 600 Schwarzköpfige Fleisch-Schafe, er züchtet auch Pyrenäenberghunde zum Schutz gegen Wölfe. Groß und mit weichem, wuscheligen Fell leben sie inmitten der Herde. Sie sollen die Schafe nicht nur beisammen halten, sondern auch vor Wölfen beschützen. Die Hunde wirken zutraulich: „Aber man sollte nicht versuchen, sie zu streicheln“, warnt Kucznik. „Hier geht es nicht um den Zeitvertreib für Hunde und Schafe.“ Der Hirte ist auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Herdenschutzhunde und erklärt: „Die Hunde werden auf den künftigen Job auf der Weide vorbereitet.“ Und der heißt: die Herde vor Wölfen zu beschützen. In Deutschland sind Wölfe seit Ende der 1990er Jahre wieder heimisch. Allein in Brandenburg leben nach Angaben des Umweltministeriums in Potsdam etwa 120 Tiere: elf Rudel, einige Paare und einige Einzelgänger. Wölfe sind auf dem Vormarsch.„Wolfsrisse bezahlt zu bekommen, wiegt den emotionalen Verlust nicht auf. Ich vertraue meiner Herde, dass sie mir folgt und meine Herde vertraut mir, dass ich sie vor allem Unheil bewahre. Schafe ohne Herdenschutzhunde zu halten, ist für mich in der jetzigen Situation mit der Anwesenheit der Wölfe undenkbar.“ Zusätzlich schützen elektrische Weidezäune seine Herde vor den Wölfen. Der zuletzt immer wieder vom Deutschen Jagdverband formulierten Forderung, Wölfe dem Jagdrecht zu unterstellen, davon hält Knut Kucznik nichts. „Weniger Wölfe bringen nicht weniger Probleme. Stattdessen sollten die Weidetiere lieber vernünftig geschützt werden. Das ist am Ende zwar unbequemer als Wölfe abzuschießen, ändert aber nichts daran, dass alles andere kaum als dauerhafte Lösung taugt und somit eher der Kategorie Augenwischerei zuzuordnen ist. Wichtiger ist es, die Tierschutzhundeverordnung auf Bundesebene anzupassen. Herdenschutzhunde im Einsatz müssen eine Ausnahme bekommen. Der finanzielle Mehraufwand, der durch den nötigen Herdenschutz für uns Schäfer entsteht, muss in die Bezahlung für Landschaftspflege eingerechnet werden.“ Auf ungefähr 2.200 EUR belaufen sich die Kosten für die Zucht und Ausbildung seiner Herdenschutzhunde.

Es sind aber nicht die zurückgekehrten Raubtiere, die Brandenburgs Schäfern das Leben so schwer machen, dass viele von ihnen aufgeben. Es ist die Bürokratie. In Zeiten, in denen sich Fleece-Pullover aus Kunststoff und produziert in Asien besser verkaufen als Strickpullis aus Deutschland, leben Brandenburgs Schäfer nicht mehr vom Absatz der Wolle oder des Lammfleisches, sondern von Agrar-Fördermitteln für die Landschaftspflege – eine hoch komplexe Materie. In Knut Kuczniks Arbeitszimmer stapeln sich die Aktenordner. Kontrolleure des Umweltamtes wollten alles dokumentiert sehen, klagt er, von der digitalen Ohrmarke bis zum korrekt ausgemessenen Weidegebiet. Was für einen Schäfer deutlich komplizierter ist, als für ein großes, durchrationalisiertes Agrarunternehmen. Draußen auf der Weide sieht man Knut Kucznik so fortlaufend sprechen, mit einem Headset am Ohr. Er ist Hirte und Manager in einer Person. Immer wieder klingelt sein Telefon. Seine 600 Mutterschafe sind immer draußen, Tag und Nacht, Sommer wie Winter. Im Sommer einfach rund um Altlandsberg aber von September bis März geht Knut Kucznik mit seiner Herde als einer der letzten Wanderschäfer Deutschlands auf Wanderschaft. Rund um Atlandsberg zeiht er dann von einer Weidefläche zur nächsten. Und einmal im Jahr auch in die große Stadt, nach Berlin. Dort pflegt er mit seinen Schafen Grünflächen der Hauptstadt. Doch um mit seiner Herde dahin zu kommen, braucht er etliche Genehmigungen von Amtsstellen. Mehre Landkreise durchquert er dann auf seiner 13-tägigen Wanderschaft.

Neben den Schafen und seinen Hunden hat Schäfer Kucznik nun auch noch vier große schwarze Wasserbüffel in seinem Betrieb. Viele seiner Kollegen haben sich damals gewundert, was Kucznik nun mit Wasserbüffeln vorhat. „Die Antwort ist leicht gegeben. Wasserbüffel beweiden extrem nasse Standorte, sind genügsam und wie meine Schwarzköpfe mit einem ruhigen Temperament gesegnet. Mit diesen Tieren kann ich die Niedermoorstandorte pflegen, wo meine Schafe an ihre Grenze stoßen. Natürlich musste und muss ich über die Büffelhaltung viel lernen: Koppelbau, Winterhaltung, Kalben, Umtreiben, Klauenpflege und andere Behandlungen unterscheiden sich erheblich von denen bei Schafen. Aber was ich schon jetzt sagen kann, ist Büffel erfüllen alle meine Erwartungen und sind richtig liebenswerte Tiere.

Die Hirten, so sagt Knut Kucznik, werden oft vergessen. „Die Kräfte ziehen, manchmal gewinnt gerade der eine, dann bekommen wir solche Regeln, dann sagt die EU wir machen Greening, dann gewinnen die anderen, dann schreien die nächsten wieder. Und wir Hirten sind genau die, die dazwischen sind. Wir sind immer die, die nicht ganz genau wissen wo sie hin sollen. Unsere Leistungen werden nicht angemessen aus den milliardenschweren Agrarhaushalten der europäischen Union bezahlt. Wir können nicht länger mit dem Billigfleisch aus hochproduktiven Megaställen konkurrieren. Importe aus Ländern in denen zehntausende Schafe weitestgehend sich selbst überlassen werden, machen uns das Leben zusätzlich schwer.“ 

 

ein Beitrag von:
Mark Michel


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über den Autor
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Mark Michel wurde 1975 in Mannichswalde geboren. Nach dem Studium der Soziologie und Politischen Ökonomie in Deutschland, Großbritannien und Kanada arbeitet Mark als Hörfunkautor u.a. für den Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur und als Regisseur und Autor für ZDF, ARTE und MDR. Seine Drehreisen führen ihn um die ganze Welt und seine Dokumentarfilme laufen auf kleinen und großen Filmfestivals weltweit, u.a. DOK Leipzig, Sydney Film Festival, DOCSMX Mexico, FIDBA. Für seine Arbeit im Bereich des künstlerischen Dokumentarfilms wurde Mark mehrfach mit internationalen und nationalen Filmpreisen ausgezeichnet, u.a. Friedrich-Wilhelm-Murnau-Kurzfilmpreis, Nominierung Deutscher Kurzfilmpreis, Grand Prix Bosifest Belgrade, DRK Medienpreis. Er hat an der Documentary Campus Masterschool teilgenommen und war Teilnehmer bei ESoDoc - European Social Documentary. 

 

www.markmichel.de

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