Wie wir erinnern

Vom Erinnern und Vergessen - Was bleibt uns im Gedächtnis und warum? Für "Nah Dran" haben wir ein sympathisches Zwillingspaar auf Erinnerungsreise geschickt und einen Hirnforscher befragt.

Beitrag in der MDR MEDIATHEK zum Ansehen bei Nah Dran

 

Zwillingsschwestern auf Entdeckungstour am Schwanenteich in Wittenberg.

Dorothea Kellner und Kristina Ackermann sind eineiige Zwillinge. Die eine wohnt in Erfurt, die andere in Wittenberg.

Als Kinder sind sie hier oft herum gestromert, haben gemeinsam kleine Abenteuer erlebt, vor knapp 60 Jahren. Für uns sind die beiden heute auf Erinnerungsreise gegangen. Hinein in ihre gemeinsame Vergangenheit.

Als Zwillinge verbindet einen sehr viel, vor allem ein riesiger Schatz voll von gemeinsam erlebten Dingen.

Doch wie erinnern die beiden sich daran? Erinnern sie das Erlebte auf unterschiedliche Weise? Und was bedeutet Erinnerung für sie persönlich?

 

O-Ton Kristina Ackermann:

Bei uns zu Hause gab es mal so einen Spruch: Erinnerung ist das beste und schönste Paradies aus dem man nicht vertrieben werden kann. Und da denke ich manchmal dran und dann ist es eben so. Und vielleicht sucht man sich Erinnerungen wenn es einem mal besonders schlecht geht, wenn ich psychisch nicht so gut drauf bin, dass ich dann versuche mich persönlich an etwas zu erinnern, krame dann etwas raus oder kucke mir Bilder an und das hilft dann auch wieder so.

 

O-Ton Dorothea Kellner:

Ich denke, dass ich mich immer dann an etwas erinnere, wenn du gerade so einen Moment hast, wo dann schwupps so etwas kommt. Das ist es und da ist es egal ob das vor einem Jahr war oder vor zehn oder vor vierzig. Also ich erinnere mich ganz viel, ich nutze das ganz viel.

 

Erinnerung erwärmt unsere Herzen und gemeinsam erinnern verbindet. Erinnerung – Ein Reich voll mit Erfahrungen und Gefühlen.

Doch erinnern wir auch genau das was wir erlebt haben? Ist unser Gedächtnis ein präziser Speicher unseres Lebens?

Spannende Fragen auch für die Wissenschaft. An der Universität Leipzig erforschen Biologen und Psychologen in Testreihen wie unser Gehirn zum Beispiel auf neue akustische Reize und Informationen reagiert und wie diese verarbeitet werden.

 

Erinnern, so die Erkenntnis, gleicht wohl eher einem Puzzlespiel. Die Lücken füllen wir aus, indem wir unbewusst ergänzen. So verändert auch das Erinnern auch unsere Erinnerung.

O-Ton Erich Schröger, Professor für Kognitive und Biologische Psychologie, Universität Leipzig:

Natürlich muss man sich immer wieder anpassen an was es Neues gibt. Man hat neue Informationen und die neue Information muss irgendwo hin. Die wird nicht ganz neutral in einer gesonderten Schublade gelagert, sondern die verknüpft sich mit dem was schon da ist. Und die bedingt, dass nicht nur das Neue verändert wird, sondern auch das was schon da ist kann verändert werden. Erinnern ist auch sehr stark ein konstruktiver Prozess, in dem wir aus den Bestandteilen die noch da sind uns zu recht reimen, wie es denn so gewesen sein könnte oder gewesen ist.

 

Ein jeder bastelt sich scheinbar so seine eigene Geschichte.

 

O-Ton Dorothea Kellner:

Tina behauptet, sie saß alleine. Ich für meinen Teil weiß hundertprozentig, wir saßen da beide zusammen in der Küche.

O-Ton Kristina Ackermann:

Wo saß sie? Hat sie was erzählt?

 

Erinnerungen, das weiß man heute, sind fließend, emotional gefärbt und manipulierbar. Doch was wären wir ohne sie? Wir hätten kein Modell von dem was uns umgibt, könnten uns wohl nicht in der Welt orientieren und auch nichts neues lernen.

O-Ton Erich Schröger, Professor für Kognitive und Biologische Psychologie, Universität Leipzig:

Man könnte ja nichts machen. Außer vielleicht die reflektorischen Tätigkeiten des Organismus würde sonst gar nichts gehen. Man könnte keine Sprache verstehen. Man könnte nicht stehen, nicht gehen, keine Ziele definieren und so weiter und so weiter. Alles was wir sind, ist eigentlich in gewisser Weise Gedächtnis.

O-Ton Kristina Ackermann:

Ich meine selbst aus der Erinnerung, was wir bei Mutti in der Küche gelernt haben um zu kochen. Könnte ich das denn dann überhaupt? Manche Dinge könnte ich doch dann gar nicht.

O-Ton Dorothea Kellner:

Oh, da ist man arm dran. Leer. Leer. Da kannst du nicht zurückblicken, Erinnerung heißt ja, du blickst auch zurück, du holst da was raus in dir. Manchmal bewirkt das ja auch mit dem Blick nach vorn in dir was.

Ja in der Tat, ohne Erinnerung könnten wir wohl nicht nach vorn schauen. Es gäbe keine Zukunft für uns. Doch wir vergessen auch, vor allem weil unsere Erinnerungen von neuen, interessanteren Eindrücken überlagert werden. Je älter wir werden umso mehr. ‚Älter werden’ werden hat aber auch seine guten Seiten.

 

O-Ton: Erich Schröger, Professor für Kognitive und Biologische Psychologie, Universität Leipzig:

Je älter wir werden, desto positiver färben wir unsere Erinnerungen ein. Man erinnert sich dann zunehmend mehr an Positives als an Negatives. Auch wenn der Urlaub noch so blöd war vor 15 Jahren. Irgendwie gab es doch ein paar nette Episoden und die erinnert man leichter als die negativen. Und die negativen werden im Nachhinein interpretiert ‚ach das war auch eine interessante Erfahrung’, sozusagen ‚jetzt tut es nicht mehr weh’ und eigentlich habe ich davon auch etwas gelernt.

 

Wir werden also gelassener, vielleicht sogar weise. In unserer Erinnerung malen wir uns jedenfalls die Welt, wie sie uns scheinbar gefällt.

 

Dorle und Tina hatten einen fabelhaften Tag mit uns auf ihrer Erinnerungsreise. Und wer weiß, wie sie sich die beiden in zehn Jahren daran erinnern werden?

 

Beitrag in der MDR MEDIATHEK zum Ansehen

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