Von Rädernarren und Narrenrädern in Quedlinburg

Mit dem Fahrrad direkt vom Europaradweg in die Ausstellung. So sähe eine perfekte Anreise zur aktuellen Lyonel Feininger Ausstellung in Quedlinburg aus. Im Zentrum der mittelalterlichen Stadt am Fuße des Harzes ist dem Karikaturisten und Zeichner Lyonel Feininger eine ganze Galerie gewidmet. Im Sommer dreht sich hier alles um das Lieblingsthema des Künstlers: Das Fahrrad.

Es ist eine Reise in die Zeit zwischen 1890 und 1910. Das Fahrrad erobert die Städte. Die damit verbundene Beschleunigung sorgte für allerhand Spott. Eine arbeitsreiche Zeit für Karikaturisten wie Lyonel Feininger. Gleich im Eingangsbereich kommt dem Besucher ein überdimensionaler Rennfahrer aus dem Jahr 1910 entgegen, davor stehen Bänke, die das Bild wie auf einer Rennbahn in den Raum erweitern. Michael Freitag, Direktor der Feininger Galerie, ist von der Veränderung, die das Fahrrad seinerzeit auslöste, begeistert.

Wie immer in der Geschichte, wenn etwas ganz Neues in die Kultur eindringt ist auf überraschende Weise immer sofort alles da. Sofort fangen die Leute an Sport damit zu machen. Das Fahrrad ist das Leitinstrument zur Entstehung des individuellen Reisens und damit auch für den Massentourismus. Also man kann sagen historisch gesehen ist das Fahrrad so wie es ist innerhalb von 50 Jahren durch Ingenieurserfindungen erstanden und steht seit dem unverändert bis in unsere Gegenwart.

Dabei war das Fahrrad Ende des 19.Jahrhunderts neu und ein Luxusartikel. Es waren nicht nur die Passanten wenig auf das neue Gefährt vorbereitet, auch die Radler waren wenig angepasst. Ein großer Fundus für den Karikaturisten Feininger.

Leute, die Melone tragen, was damit verbindet, dass sie Kleinbürger sind oder ihr Geld auf die Bank bringen oder auf jeden Fall brave Leute, wirken plötzlich entfesselt wenn sie sich auf das Fahrrad setzen. Nicht mehr in ihrem gemächlichen, behaglichen Schritt die Alleen entlang laufen und sich der Gefahr aussetzen, dass der Fahrtwind ihnen den Zylinder vom Kopf reißt und sich damit lächerlich zu machen. Genau solche Momente, wo eine neue Bewegungsform, eine neu Erfindung oder so etwas einerseits einen Reiz aussendet andererseits die Mittel es zu beherrschen noch nicht da sind.

Ein besonders ungewohnter Anblick für die damalige Zeit: Frauen auf Fahrrädern. In der Ausstellung ist diesem Thema ein eigener Bereich gewidmet. Im Mittelpunkt: das amerikanische Damenrad. Michael Freitag ist begeistert von den zahlreichen Details.

Das ist auch interessant, dass sich mit der Entwicklung des Fahrrads auch der Typ des Damenfahrrads sofort entfaltet. Das ist ein Damenrad aus den USA von 1893 mit Holzfelgen mit Damenrahmen, dass man einen Einstieg hat, auch ein Damensattel mit kurzer Nase damit man sich im Beinrock nicht verklemmt.

Hygieniker allerdings machten sich damals Sorgen um die Fruchtbarkeit der radelnden Frau. Gleichzeitig war das Rad der erste Durchbruch der Emanzipation. Für Projektassistentin Manuela Winter ein großer Schritt.

Aus heutiger Perspektive ist das schwer vorstellbar. Einfach weil wir heute emanzipiert sind. Für mich ist es ganz alltäglich auf mein Fahrrad zu steigen und Einkaufen zu fahren oder Freunde zu besuchen. Es ist dann schon beeindruckend wie das Fahrrad die Emanzipation vorangetrieben hat.

Eine alte Holztreppe führt nach oben in den zweiten großen Raum. Hier schwebt Lyonel Feininger wie auf einem Thron über seinem Lieblingsfahrrad: einer Cleveland. Mit ihr bereiste er Thüringen und die Ostseeküste. Mehrere 10.000 Kilometer verbrachte er auf ihrem Sattel. Rings um den Thron hängen Karikaturen, die vom Ungeschick bis zur politischen Satire reichen. Eine Zeichnung begegnet Michael Freitag gleich am Anfang.

Die Jagd nach dem Glück von Henneberg, ein allegorisches Riesengemälde aus dem Ende des 19. Jahrhunderts aus der Gründerzeit. Er hat das Motiv aufgenommen die Jagd nach dem Glück und da sieht man wie die Herren statt auf Riesenrössern auf Hochrädern einer radelnden Frau hinterher fahren die als Trophäe Geld in der Hand hat.

Neben den rund 140 Zeichnungen von Lyonel Feininger und seinen Zeitgenossen gibt es auch viele Ausstellungstücke rund um das Fahrrad – von der historischen Fahrradlampe über verschiedene Sättel bis hin zu kunstvoll gearbeiteten Zahnkränzen. Atmo Fahrradklingel

Gleich neben der Galerie werden diese übrigens wieder zu ganzen Fahrrädern zusammengebaut – und zwar von Fahrradmeister Gunther Wachsmuth.

Grundsätzlich kann man fast jedes alte Fahrrad wieder aufbauen, es sei denn, an versteckten Stellen hat sich lange Wasser gesammelt und der Rahmen ist halt so stark durchgerostet, dass es statisch nicht mehr geht oder es ist verzogen dann lohnt es sich nicht. Ansonsten bekommt man jedes Fahrrad wiederaufgebaut. Entweder man konserviert es oder man lässt wirklich es neu lackieren, das ist Geschmackssache.

Dabei sind alle heutigen Neuerungen rund ums Rad im Prinzip schon vor einhundert Jahren vorhanden gewesen, sagt Wachsmuth. Zu sehen und zu erleben ist das nun bis Oktober in Sachsen-Anhalt: in der Quedlinburger Lyonel Feininger Galerie.

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