Rentner aus dem Westen zieht es nach Görlitz

Görlitz wird gern als „Rentnerparadies“ beschrieben, vor allem für West-Rentner scheint das so zu sein. Weit über 1000 sind in den letzten Jahren in den sächsischen Osten direkt an die polnische Grenze gezogen. Doch stimmt das mit dem Paradies tatsächlich so und ist das Label „Rentnerstadt“ überhaupt gut?

Ein kurzer Handschlag, dann rollt der Transporter mit den Gerüstteilen vom Hof. Auf die Handwerker vor Ort könne er sich verlassen, erzählt Rainer Michel, auch wenn es in Görlitz, wie vielerorts momentan schwierig sei, überhaupt welche zu bekommen. Rainer Michel ist das, was man einen rüstigen Rentner nennen mag: kräftig gebaut, weißes, volles Haar – und mit 73 Jahren voller Tatendrang.

Seit zehn Jahren leben Rainer Michel und seine Frau in Görlitz. Michel kannte die Oberlausitz bereits – und als für den ehemaligen Lehrer die Rente näher rückte, stand der Entschluss zum Umzug fest. Solch ein Haus hätten sie sich in Köln, trotz ihrer guten West-Rente, wohl nicht leisten können.

„Die hilft natürlich. Und dann haben wir unser Haus in Köln verkauft. Ich hab in Görlitz gearbeitet, zwei Jahre nach der Wende, und hab hier den Religionsunterricht mir aufgebaut. Bin dann wieder nach Köln zurück und hab dann aber plötzlich festgestellt, dass das wie so ein Virus ist: Du hast Görlitz gesehen und du kriegst das nicht mehr aus dem Kopf. Denn die Stadt ist so wunderschön. Und sie liegt im Dreiländereck Polen, Tschechien und Deutschland. Das ist ungeheuer spannend.“

und bezahlbar. Die Mieten in Görlitz sind moderat, Wohnungen im sanierten Altbau immer noch zu haben, die Wege in der Kleinstadt kurz. Ideal für West-Rentner sei das, so der Ex-Kölner, das höre er immer wieder.

Man kennt sich untereinander, weil man auch viel miteinander macht. Kulturell kann man hier viel bewegen, muss es dann aber auch selber tun. Also Hauskonzerte, Lesungen, Einladung von Autoren. Das macht man mit vielen West-Rentnern, die nichts zu tun haben.“

Und die alteingesessenen Görlitzer? Die seien anfangs etwas eigen und zurückhaltend, erzählt Michel, ganz anders als etwa die Rheinländer. Wer damit nicht klarkomme, habe es schwer.

Die Kommunikation läuft nicht so direkt. Die Leute sind aber sehr verlässlich, sehr ehrlich. Man beguckt sich sehr genau, man ist sehr kritisch, weil man sehr genau beobachtet, was wird der, der aus dem Westen gekommen ist, machen. Wird der uns nur ausnutzen und dann wieder verschwinden, das ist sehr viel geschehen. Oder wird der auch wirklich ehrlich sein. Wenn diese Prüfung dann positiv verlaufen ist, hast du eine hohe Akzeptanz. Ich kenne auch einige, die wieder weggegangen sind, weil sie sich nicht auf die Leute einstellen konnten.“

Viel mehr sind aber geblieben. In Görlitz wohnen mittlerweile weit über 1000 Rentner aus den alten Bundesländern, eine Menge bei gerade einmal 56 Tausend Einwohnern. Bei der Stadt begrüße man diese Entwicklung, meint Eva Wittig, die Leiterin des Görlitzer Stadtmarketings. Wobei der Begriff „Paradies“ vielleicht doch etwas zu hoch gegriffen sei. Anziehend sei die Oberlausitz aber definitiv, auch wegen der schönen Natur rund um Görlitz – und das schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts, so Wittig.

Es gibt Berichte, wo wir auch ganz früher schon mal Pensionsstadt waren. Die Berliner Beamten sind wohl gerne nach Görlitz gekommen, um hier ihren Ruhestand zu verleben. Weil es hier so schön ist und man hier eine günstige Infrastruktur vorfindet. Das haben wir immer noch. Sehr kurze Wege innerhalb der Stadt, mit vielen Parks und Plätzen, eine gute Nahversorgung, ein gutes Kulturangebot, um seine Freizeit zu verbringen. Und man findet Wohnungen, in der Innenstadt auch, relativ günstig, also sechs, sieben Euro, kommt man hin. Also wir haben Platz.“

„Aber bitte nicht nur für Rentner, betont Eva Wittig. Denn auf Dauer können die zwar Görlitz durchaus mitgestalten, und sie setzen auch Geld um. Wichtig für die Zukunft seien aber Arbeitsplätze und ebenso junge Menschen.“

 

Erschienen am 27.1.2017 bei Deutschlandfunk Kultur

 

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