Besuch in Rehmsdorf bei Tröglitz

Tröglitz in Sachsen-Anhalt ist derzeit in den Nachrichten. Noch weiß niemand genau, wer die fast fertige Asylunterkunft angezündet hat. Doch der oder die Täter werden in rechtsextremen Kreisen vermutet. Gleich neben Tröglitz, im Nachbarort Rehmsdorf, versucht ein Zeitzeuge seit vielen Jahrzehnten über den Nationalsozialismus aufzuklären.

An Tausende KZ-Häftlinge kann sich Lothar Czoßek erinnern. Und wie diese über die Hauptstraße seines Heimatdorfes getrieben wurden: „Über 4000 Häftlinge hier in Rehmsdorf, rechts und links scharf bewacht von der SS. Kein Einwohner, darunter auch ich, durfte stehenbleiben. Es war strengstens verboten, den Häftlingen Essen zu geben. Und der Zug sah natürlich jämmerlich aus, kaum lebensfähige Gestalten, kaum Schuhe an den Füßen, mit Lappen umwickelt.“

Die Gefangenen, eingepfercht in Baracken, ohne Wasser und Toiletten, mussten täglich in ein drei Kilometer entferntes Treibstoffwerk laufen. Alliierte Bomber hatten dieses zerstört, die Häftlinge sollten es wieder aufbauen. Lothar Czoßek ist heute 86, er ist gesundheitlich angeschlagen. Doch die grausamen Bilder von damals gehen ihm nicht aus dem Kopf. „Das schlimmste war, dass am Schluss des Zuges ein Wagen gefahren wurde, von Häftlingen, die alle Häftlinge, die während des Laufens zusammen gebrochen waren, aufgehoben, in einen Sack gesteckt, auf den Wagen geworfen und mit ins Lager.“

Es sind schreckliche Erinnerungen, aus einer schrecklichen Zeit, sagt Czoßek. Rehmsdorf ist damit seit 70 Jahren ein Teil der deutschen NS-Geschichte – und es gibt nur noch wenige Zeitzeugen, die darüber berichten können. Lothar Czoßek tut das seit über 40 Jahren. In einer kleinen Gedenkstätte hat der Rehmsdorfer Infos zusammengetragen, Wandtafeln aufgehängt – mit Lagerskizzen und Namen von Häftlingen. Viele im Dorf haben seine Arbeit damals unterstützt. „Es muss Interesse da gewesen sein, endlich mal zu erfahren, was hier los ist. Natürlich haben später einige gesagt: Hör endlich mal auf damit! Aber da ging es nicht mehr um Aufarbeitung, sondern gegen das Vergessen. Weil das die größte Gefahr ist. Wenn wir es nicht verbreiten, es gibt bald keine Augenzeugen mehr. Und dann wird der braune Sumpf noch mächtiger werden. Die leugnen doch alles ab, leugnen den Holocaust!“

Etwa 650 Besucher kommen jedes Jahr in die Rehmsdorfer KZ-Gedenkstätte, Schulklassen besichtigen die wenigen, noch erhaltenen Häftlingsbaracken am Dorfrand. Seit kurzem ist das Interesse wieder ein wenig größer: weil im nur zwei Kilometer entfernten Tröglitz eine fast fertige Asylunterkunft für 40 Flüchtlinge gebrannt hat. Noch weiß niemand, wer das Feuer gelegt hat. Doch wie viele vermutet auch Lothar Czoßek einen rechtsextremen Hintergrund. Braune Banden, wie er sie nennt, seien rund um Tröglitz aktiv. Sie machen Stimmung gegen Ausländer und Flüchtlinge, schüchtern Anwohner ein. „Die Leute äußern sich deshalb nicht, weil sie Angst haben, dass sie belästigt werden. Ich habe auch Drohbriefe bekommen, meine Frau hat Angst, dass die uns hier die Fensterscheiben einschmeißen. Rechtsextreme, die können sich hier frei entfalten, denen wird keinerlei Einhalt geboten. Was wollen denn Nazis aus Ronneburg, Schmölln, Gera in Tröglitz? Die haben da überhaupt nichts zu suchen!“

Erst Demos gegen das Heim, dann der Bürgermeister, der wegen der Bedrohung durch Rechtsextreme zurücktritt. Und die meisten Menschen vor Ort schweigen, weil sie Angst haben. Czoßek schüttelt mit dem Kopf. Was in Tröglitz passiert ist, nennt er eine Schande – nicht nur für das Dorf selbst oder Sachsen-Anhalt, sondern für ganz Deutschland. Im Gespräch mit dem 86jährigen, auf der Suche nach Ursachen, landet man schnell bei den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen. „Die sind nicht besonders günstig. Die Zeiten, wo man 1990 glaubte, jetzt kommen die gebratenen Tauben vom Himmel gefallen, die sind restlos vorbei. Das hat viele verärgert und es hat sich ein gewaltiges Desinteresse an allen gesellschaftlichen Ereignissen breit gemacht, das ist katastrophal.“

Lothar Czoßek würde gern noch mit zu den alten Baracken kommen, zeigen, wie menschenunwürdig die Häftlinge damals untergebracht waren. Doch er kann kaum noch laufen. Aber er hat seit gut zehn Jahren einen ehrenamtlichen Mitarbeiter, der mit 65 Jahren noch gut zu Fuß ist. Volker Bachmann ist kein Zeitzeuge mehr, trotzdem will er die Erinnerung wach halten. „Diese Sache soll erhalten werden, wenn möglich im Originalzustand. Damit man sich vorstellen kann, wie die Häftlinge untergebracht waren. Der ganze Raum war voll gestellt mit Betten, kein Stuhl, kein Tisch, die hatten nur ihr Bettgestell. 800 Häftlinge, das sind manchmal die Einwohner eines ganzen Dorfes.“

Ganz Rehmsdorf hat heute nur 200 Einwohner mehr, Tröglitz knapp 2000. Die brennende Asylunterkunft ist auch für Volker Bachmann eine Katastrophe. Seit einem Jahr ist er Rentner. Doch Bachmann will sich weiter ehrenamtlich engagieren, die Gedenkstätte am Laufen halten. „Die ganze Sache, die sich jetzt hier entwickelt, so ähnlich hat die sich schon mal vor 1933 abgespielt. Und jetzt gibt es einen braunen Sumpf, die jetzt diese unzufriedenen Leute um sich scharren, weil es unsere Politik nicht mehr schafft, nah an die Menschen ran zu gehen. Wer die Geschichte nicht kennt, ist verdonnert, sie noch einmal zu wiederholen.“

 

Besuch in Rehmsdorf bei Tröglitz

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.