Ich bin Fidi, wer bist Du?

Der Berliner Fidi Baum rappt über das Leben mit Behinderung - und vieles mehr.

Graf Fidi – Hörcollage – Dradio Wissen

 

Graf Fidi 02 klein

 

Hallo, ich bin Fidi, wer bist Du?

Hallo meine Damen und Herren, mein Name ist Hans Friedrich Baum, auch bekannt als Graf Fidi.

Einspiel: Song „Lyrischer Werdegang“

1995 beginnt mein lyrischer Werdegang..

Mitte der 90iger kam ein guter Freund von mir in mein Zimmer, hat mir eine amerikanische Rap-CD vorgespielt und ab da war es um mich geschehen. Und ab da habe ich auch gesagt, ich will freestylen und habe mit meinem ehemaligen Mitbewohner angefangen zu freestylen und habe davor auch schon angefangen Texte zu schreiben.

Einspiel: Song „Warum rapst Du?“

Warum rapst Du Graf, ist meist die Frage der Leute.. und werde noch so jede kleine Chance verwerten. Warum rapst du Graf? Weil mir Sport nicht so liegt und ich mir lieber Orden verdiene indem ich Wörter verschiebe.

Über Frauen Macht und Geld, und wenn ich darüber gerade nicht rappe, dann meistens über Alltagssituationen und natürlich auch über meine Behinderung, aber nicht nur.  Und ich versuche dem Ganzen immer einen leichten und lustigen Anstrich zu verpassen.

Einspiel: Song „Verarscht“

Na klar dass mit meinem Handicap war alles ne Show angefangen bei FRS bis zur Spassticker Crew. Selbst meine besten Freunde denken ich brauch wirklich einen Rollstuhl (schmunzel) die Vollnoobs. Es war alles gefakt. Der Rollstuhl? Ausm Y Heft. Und das mit deinem Finger? Alles geklebt Und das mit deinem Gangbild? Gehörte alles zur Schau. Ganz unter uns, ich hab dafür auch Jahre gebraucht.

Das ist nun mal mein Label. Das ist wie Kollegah der Strassenrapper oder Mannyboy der Bling-Bling-Rapper, so bin ich der Rollstuhlrapper.

Ich versuche in Texten immer bestimmte Textzeilen einzubauen, wie jetzt zum Beispiel ich bin behindert ich darf das machen, weil ich ja an den Rollstuhl gefesselt bin, was nicht meine Worte sind, sondern dass sind Redewendungen und Sätze, die ich immer von meinem Umfeld gehört habe. Und wenn ich die in meinen Texten einbaue, möchte ich nicht sagen, so ist es, sondern so möchte ich einfach nur mit einem Augenzwinkern den Leuten zeigen, so ist es eben genau nicht! Und wenn ich sage, ich bin behindert, ich darf das machen, Frauen von hinten an den Arsch rangrapschen, dann erwarte ich eigentlich genauso wenn ich das tun würde, eine Frau sich umdreht und mir eine reinhaut, wie wenn ich körperlich gesund wäre.

Einspiel: Song „Ihr seid behindert“

Es gehört zusammen was ihr trennt. Schwarz, weiß, dumm, riesig und klein wissen es ist voll normal verschieden zu sein. Behindert zu sein muss kein Hindernis sein. Nein!

Meine Behinderung lautet: irreparable Cerebralparalese. Das bedeutet, das irgendetwas in meinem Hirn beschädigt ist und nicht so funktioniert wie bei normalen Menschen. Das wirkt sich somit auf mein gesamtes Körperbild aus, das heißt die Muskulator wird anders angesteuert vom Gehirn. Was dazu führte dass ich eine Fehlstellung hatte im Gangbild. Dieser Virus, das ist eine Form der schwachen Kinderlähmung war aber schon von Geburt an in meinem Körper, deshalb konnte ich da nicht geimpft werden. Und die Missbildung meines rechten Armes war auch schon von Geburt an, da weiß man nicht so recht woher das stammt.

Einspiel: Song „Leben“

Jeder kann im Leben was erreichen. Eigentlich ist das Leben voll normal, denn wir leben unser Leben von morgens bis abends. Erst sind wir jung und dann älter und dann Erben, bis wir irgendwann selbst soweit sind um zu sterben. Drum hole ich einmal Luft um darüber nachzudenken. Wir waren alle mal einsam und hatten hart zu kämpfen, gegen andere, einer gegen eine Million…

Als ich damit anfing, da war ich 16, da wurde das weder von Vater noch von Mutter und Schwester realisiert oder ernst genommen. Und als sich das dann zumindest für mich so ein bisschen konkretisiert hat, gab es dann Unterstützung von meiner Schwester und auch von meiner Mutter, was sich dann darauf beschränkte, dass sie gesagt haben, ja es ist gut mach mal weiter…

Einspiel: Song „Vater und Sohn“

Hans Baum, dein Fleisch und Blut, widmet dir diesen Text: Mein Vater sprach zu mir: Junge lass das Musizieren, konzentrier dich auf die Arbeit oder fang an zu studieren du kannst mir da vertrauen ich sehe dich zwar als Brotverdiener doch nicht als Rapper, nein dabei sehe ich rot mein Lieber dass ist alles nur ein Traum, ich hatte auch mal eine Band deinem Vater kannst du glauben, ich war auch mal ein Rebell…

Nur mein Vater, das ist halt  so eine Sache. Mein Papa war halt immer so: Mein Sohn lass es sein, es hat sowieso keinen Sinn und mach deine Ausbildung blah blah blah…

Einspiel: Song „Vater und Sohn“

schreibe Bewerbungen ein Beruf ist doch genug im Leben lass dass mit rappen und fasse Fuß im Gesundheitswesen…

Alles totaler Humbug, Papa! Nur weil du in deinem Leben viele Dinge angefangen hast und nicht zu Ende gebracht hast und ich Dir in gewisser Weise ähnele heißt das nicht dass das bei mir genauso laufen muss. Und ich setze einfach alles daran so, und gut!

Ich arbeite nun ja an meine neuen vierten Soloalbum und als wir uns Gedanken gemacht haben bei meinem Label bei Hippoppo Records haben wir uns überlegt, wo würden wir hingehen. Wollen wir ein Album machen, wo aus verschiedenen Blickwinkeln wirklich mein Leben als behinderter Mensch betrachtet. Oder sagen wir,  nein wir lassen das vollkommen weg, ich bin behindert das muss ich nicht noch in den Mund nehmen, mach einfach dein Ding und erwähne in keiner einzigen Zeile dass du behindert bist. Und ich denke, beide Wege sind so nicht zu realisieren. Sondern in der Mitte liegt irgendwo der goldene Weg.

Einspiel: Song „Nix ohne Homies“

Ich hätt kein Merch und außerdem keine Leute die jetzt für mich Promo machen. Ich hätt kein Label so wie jetzt, was mir vertraut als Künstler, welches mich supported, weil es an mich glaubt und fünfmal mehr Energie in diese Kunstfigur des Rollstuhlrappers steck, der jetzt rappt  und auch noch singt. Hey sonst noch etwas? Nix ohne Homies, nix ohne Homies….

Ich bin froh dass es immer mehr Menschen gibt, die sich mit der Thematik auseinander setzen und die auch wirklich etwas dafür tun. Aber ich glaube es ist noch ein ganz langer Weg. Ich glaube nämlich, es ist dann soweit, wenn Behinderte nicht mehr Behinderte genannt werden. Weil der Begriff, jemanden als behindert zu nennen, ist schon eine Form der Ausgrenzung. Und ich denke die Inklusion, um dieses schöne Wort zu benutzen, ist dann komplett erreicht oder vollzogen wenn es nicht mehr heißt, ich bin Fidi und ich bin behindert, sondern einfach nur: Hallo, ich bin Fidi, wer bist Du?

 

Nachhören und Lesen bei DRADIO WISSEN

 

Links:

Graf Fidi

http://graffidi.de/

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Hippoppo Records

https://www.facebook.com/Hippoppo

 

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