Party für die Aliens

Es war still geworden um den menschlichen Traum von der Eroberung des Weltalls. Der Google-Konzern hat ein Preisgeld für diejenigen ausgeschrieben, die einen ferngesteuerten Rover erfolgreich auf dem Mond absetzen. Jetzt liefern sich überall auf der Erde private Techniker, Visionäre und Träumer einen Wettstreit mit der Zeit und der komplizierten Technik und beleben so die Vision vom Flug zu den Sternen. Ein Besuch beim Team „Synergy Moon“ in Zagreb.

Von Michael Kraske

Die Dackel Laika und Luna wuseln aufgeregt um den weißen Plastik-Tisch. Im Garten befreundeter Künstler hat Nebojsa Stanojevic´ in der kroatischen Hauptstadt Zagreb die „Balkan-Connection“ seines Teams „Synergy Moon“ versammelt. Zum Bier aus 1,5-Liter-Flaschen lauschen die Gastgeber, drei junge PR-Profis aus Zagreb, ein bosnisch-ungarischer Cello-Spieler und eine bosnische Architektin dem mageren Mann mit schwarzem Hippie-Bart, der über seine Mission spricht wie ein Prediger. „Ich lag neben einem Vulkan in Guatemala und betrachtete den Mond. Ich dachte: Ich bin um die ganze Welt gesegelt, als nächstes möchte ich zum Mond“, sagt Stanojevic´.

Der 41-Jährige ist bosnischer Serbe. Am Tag, bevor 1992 der Krieg in Tuzla ausbrach, flüchtete er aus Bosnien nach Südafrika, später lebte er in Berlin. Heute nennt er das Boot „Flamingo“, das vor Grenada liege, sein Zuhause. Viele Jahre arbeitete er als Editor am Schnitt von Filmen und Videos. Zu seinen Referenzen zählt er Tina Turner und den Dalai Lama. Vor fünf Jahren gründete er das „Human Synergy Project“, das kreative Menschen aller Erdteile vernetzen möchte. Die Teilnahme am Google Lunar X Prize ist sein bisher größtes Projekt.

Der Mond ist weit weg an diesem Abend und die Produktionsstätten von „Synergy Moon“ sind es auch. Die Fabrik, in der die Rakete „Neptune“ gebaut wird, steht in der Mojave Wüste in Kalifornien. An der US-Universität von Maryland entwickelt ein Team das Mondmobil „Rover“. „Mein Schulfreund Dino von der irischen Universität Limerick liefert die künstliche Intelligenz für den Rover“, sagt Stanojevic´. Der „Lander“, der den „Rover“ auf den Mond setzen soll, werde in der Ukraine vom Laboratory of Advanced Jet Propulsions gebaut, eine Gruppe in Indien entwickele Software, der australische Sponsor Aerogels sei für Hitzeschilder zuständig. „Wir sind ein weltweites Netzwerk. Nicht jeder ist Techniker. Künstler können Filme über das Projekt drehen oder Songs schreiben.“ Stanojevic´ ist einer der Chefs des Teams, das sich selbst „exzentrisch“ nennt. Mit seinem Notebook koordiniert er die Unterstützer. Und bastelt an der Story, die Aufmerksamkeit und Sponsoren bringen soll. Die Idee ist simpel und klingt unglaublich: Jeder, der will, kann mitmachen.

Eine Kunstinstallation auf dem Mond

Einer davon ist Gastgeber Zorislav Sojat, grauer Vollbart, um die Hüften trägt er ein braunes Tuch. Sojat steigt auf den Dachboden des Reihenhauses, der mit Computern, Kabeln und Bildern voll gestellt ist, in einer Ecke stehen Scheinwerfer, die mit einem Keyboard verbunden sind. Sojat spielt tonlos auf der Tastatur, an der Decke wechseln bunte Muster. Sojat hat für sein Lichtinstrument Töne in Farben übersetzt, mit seiner Frau Gordana projiziert er Lichtkunst auf kroatische Kirchen. „Mein Traum ist die erste Kunstinstallation auf dem Mond“, sagt er, seit den 70er Jahren programmiert er Computer. Auf einem Bildschirm zeigt Sojat die 3-D-Animation einer Box, die er entwickelt hat: „Zwei Spulen mit bunten Punkten drehen sich, angetrieben von einem Motor, eine Lichtquelle dient als Projektor.“ Die Box könne in den „Rover“ eingebaut werden. „Als Leinwand dienen kleine Erhebungen auf dem Mond.“ Das „Rover“-Team muss entscheiden, ob seine Erfindung technisch umsetzbar ist. Stanojevic´ inspiriert die Idee: „Wir machen die Party für die Aliens.“

Am nächsten Tag sitzt der Team-Chef mit den drei jungen PR-Profis im „Titanikmarekovic´ Creative Studio“ und trinkt Dosenbier. Den Slogan für die Kampagne haben sie schon: „Space for the common people.“ Der Mond soll nur der Anfang sein. Das große Ziel von „Synergy Moon“ heißt Weltraumtourismus. Sinisa Marekovic´ zeigt auf einem Flachbildschirm das Storyboard für einen Werbefilm. Die Geschichte: Ein Mann steht auf, geht zur Arbeit, verabschiedet sich von Kollegen. Am Ende steigt eine Rakete in den Himmel. Die Botschaft: Weltraumflüge werden Normalität. „Wir werden den Film auf unsere Kosten produzieren“, erklärt Kollege Nikola Plecko, „anfangs wird er auf Youtube laufen, später können wir verschiedene Versionen für lokale Märkte einsetzen.“ Wen soll der Film ansprechen? „Am Anfang alle. Wir wollen das Thema Weltraum weltweit in die Köpfe der Leute bekommen. Später sind Werbe-Kunden die Zielgruppe“, sagt Plecko. Stanojevic´ beantwortet derweil E-Mails. Das Treffen ist weniger Konferenz als nettes Beisammensein. Der Chef macht keine Vorgaben. Jedes Team arbeitet für sich und finanziert sich selbst.

Abends balanciert Stanojevic´ auf dem Dachboden der Lichtkünstler sein Notebook auf den Knien und telefoniert via Skype mit Kevin Myrick in den USA, dem anderen Team-Chef. Der Computer-Spezialist verdient mit Multimedia-Projekten am Theater sein Geld und arbeitet, wie er sagt, bis zu zwölf Stunden für „Synergy Moon“. Er referiert den Stand des Projekts: „Prototypen der Raketen-Motoren für den Lander gibt es schon. Die Microships für den Rover müssen gehärtet und abgedichtet werden, damit sie extreme Temperaturen aushalten. Derzeit arbeiten wir am Antriebsmodul für den ersten Testflug. Das größte technische Problem ist, ein solides Launch-System zu entwickeln.“

Beim ersten Test-Flug soll die Rakete eine Höhe von neun Meilen erreichen. Mehr erlauben die US-Behörden nicht. Der Flug zum Mond soll in zwei Jahren gelingen. Startplatz soll dann nicht der Mojave Air and Space Port sein, sondern ein Areal auf der Insel Eua, das ihnen der König von Tonga überlassen habe. Es klingt wie ein Märchen. Finanziert werde der Raketenbau derzeit über den Verkauf so genannter „Tubesats“, flaschengroßer Satelliten. „Bisher haben sowohl Unis als auch Privatleute Tubesats gekauft“, sagt Myrick. Auf der Internetseite der Firma „Interorbitel Systems“, Teil von „Synergy Moon“, kann man für 8000 Dollar einen Satelliten ordern. Per Click-and-buy. Nach erfolgreichen Testflügen sollen die bereits bezahlten Satelliten von einer „Neptune“ in ihre Erdumlaufbahn gebracht werden. Noch weiß niemand, ob es die „Neptune“ bis ins All schaffen wird.

Derzeit arbeiten sechs Spezialisten an der Rakete, sagt Myrick, für den Mondflug brauche man 30 Experten und Sponsoren. Dafür soll der Abenteurer Stanojevic´ sorgen, mit dem er jede Nacht telefoniert. Der hat einen Tag lang nichts gegessen, dafür unentwegt geredet, über den Mond und die Piraten, die er an der Küste Somalias getroffen habe. Auf dem Laptop hat er einen Film gezeigt, wo er mit einer anderen ausgemergelten Gestalt um eine Feuerstelle sitzt und Tee trinkt. Nach dem Telefonat mit seinem Partner schläft er im Sessel zusammengerollt wie eine Hauskatze ein.

Der unbemannte Flug zum Mond ist ihm nicht genug. Stanojevic´ hat einen Plan, der die anderen Teams überstrahlen soll. Zusammen mit einem Freund will er selbst ins All fliegen. „Als Crash Test Dummies“, wie er sagt. Dafür wird eine „Neptune“ mit einer Kapsel für bemannte Flüge entwickelt.

Der Apollo-Retter auf dem Flugplatz

Auf einem Flugplatz nahe Zagreb stehen Propeller-Flugzeuge im Regen, die geplante Flug-Show ist auf morgen verschoben. Unter einem Wellblech-Dach umarmt Stanojevic´ den Journalisten Miroslav Ambros Kis, Spitzname „Mac“, und sagt: „Ein Serbe und ein Kroate fliegen zusammen ins Weltall.“ Das ist ihre Geschichte. Wenn Stanojevic´ mit dem Auto von Tuzla, wo seine kranke Mutter lebt, nach Zagreb fährt, wird er an einer Grenze kontrolliert, die ein blutiger Krieg schuf. Mit dem Flug ins All will er sich für alle Welt sichtbar über die Grenzen erheben. „Die Techniker haben mir erklärt, was ich tun muss“, erzählt Stanojevic´, „sie haben gesagt: Drück bloß keinen Knopf!“

Die beiden setzen sich an einen Holztisch zu einem älteren Ehepaar. Haltung, Sonnenbrille, Base-Cap und blaue Flieger-Jacke des Alten am Tisch erinnern an George Bush senior beim Truppenbesuch. Michael Vucelich, 80, in Kroatien geborener US-Bürger, war bei der NASA verantwortlich für die Sicherheitssysteme der Apollo-Flüge. Er saß in der Kontrollstation, als die Crew von Apollo 13 meldete: „Houston, we´ve had a problem.“ Vucelich war einer von denen, die halfen, die drei Astronauten heil zurück zu holen.

Er hat angeboten, „Synergymoon“ zu beraten. Kann der Flug der beiden gelingen? „Ja“, sagt der Veteran entschieden, „ja, sicher kann er gelingen. Die Sowjets sind genau so ins All geflogen. Die Kosmonauten mussten nicht viel machen, sie wurden vom Boden aus gesteuert.“ Wie groß ist das Risiko? „Die beiden sind Versuchskaninchen. Noch immer sind die ersten zehn Sekunden die gefährlichsten. Der Start ist eine kontrollierte Explosion. Alles andere ist machbar, auch der Wiedereintritt in die Erdatmosphäre.“ Er windet sich bei der Frage, ob er auf Tonga sein wird, um im Kontrollzentrum über die beiden zu wachen. Seine Frau Inge schaltet sich ein: „Nein, das wird er sicher nicht.“

Der NASA-Held hat gesagt: Es geht. Nebojsa Stanojevic´ liegt auf dem Beifahrersitz eines Taxis und ist euphorisch. Der Mond, sein Flug, alles scheint möglich. Mit diesem Gefühl fährt er am nächsten Tag zurück nach Tuzla. Das Ehepaar Vucelich bricht morgens erneut vom Hotel zur Flug-Show auf. Sie erzählen, dass sie die meisten Astronauten der Apollo-Missionen kannten. Nebojsa und Mac hätten nichts von diesen Astronauten. Ihr Urteil ist im Ton charmant, inhaltlich ist es vernichtend. Zum Abschied dreht sich die Frau des Veteranen noch einmal um: „Aber vielleicht sehen wir uns ja doch auf Tonga wieder.“

Die Reportage ist in einer anderen Version in Geo erschienen.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.