In der Roman-Maschine

Juli Zeh hat hier ihre Ausbildung zur Schriftstellerin gemacht. Moment – Ausbildung zur Schriftstellerin? Tatsächlich kann man am Deutschen Literaturinstitut Leipzig lernen, wie man Romane schreibt. Katharina Hartwell hat zwei Jahre lang mit Kommilitonen und Worten gerungen. Jetzt ist sie eine staatlich geprüfte Schriftstellerin.

Von Michael Kraske

Sie sitzen um den runden Tisch und blättern angestrengt in den Manuskripten auf ihren Knien, sezieren ein Romanfragment, wie sie es seit zwei Jahren jeden Mittwoch getan haben. Sieben Studenten, die in ihrem Studium nichts anderes tun als einen Roman zu schreiben und die eigene Arbeit und die der anderen zu prüfen, zu hinterfragen, zu kritisieren. Heute die von Katja. Ihr Professor beginnt. Josef Haslinger ist erfolgreicher Schriftsteller, sein Roman „Opernball“ wurde mit Heiner Lauterbach verfilmt. Mit tiefem, samitigem Wiener Akzent lobt er die unterhaltsamen Dialoge und poetische Sprache, die ungeordnete Struktur des Textes aber nennt er einen „Sauhaufen“.

Nacheinander nehmen sich die Literaturstudenten in der weißen Villa des Deutschen Literaturinstituts Leipzig Katjas Text vor. Vorsichtig an Kritik heran tastend die meisten, ruhig im Ton, von Denkpausen unterbrochen. Sie hinterfragen die Erzählperspektive, ob es Sinn macht, zwischen Ich-Erzähler und personalem Erzähler zu wechseln. Welche Bedeutung Passagen haben könnten, die kursiv gesetzt sind. Fragen nach dem Wechsel von Präteritum und Präsens. Loben einhellig die schöne Sprache. In ihrem Masterstudium am Institut haben sie gelernt, dass es beim Romanschreiben kein richtig und falsch gibt, wohl aber begründete und unbegründete Entscheidungen. Alles, was der Autor begründen kann, ist berechtigt. Impulsiv getroffene Willkürakte müssen meist noch mal überarbeitet werden. Oder aber durch eine Legitimation unterfüttert werden.

Das Büro des Professors – eine intime Kampfzone

Über eine Stunde hat Katharina Hartwell geschwiegen, nur ihre unablässig arbeitenden Finger haben Konzentration und Anspannung verraten. Sie spricht als letzte, hebt das Kinn, sucht Augenkontakt mit Katja. „Die Kür ist da, die Pflicht fehlt noch“, sagt sie. Dann formuliert sie ihre Kritik: direkt, strukturiert, ohne Zögern. Ungeduld schwingt mit, wenn sie Katja auffordert, „die zermürbende Kleinarbeit zu erledigen.“ Sie fordert Katja auf, Listen abzuarbeiten, den Text auszudrucken und danach neu zu ordnen. „Das musst du jetzt machen“, schließt sie ihren Appell, „das kann ich dir nicht abnehmen.“ Man ahnt, dass ihre Worte Wiederholungen sind und das Büro von Josef Haslinger mit den vollen Regalen und von Tischen wachsenden Bücherstapeln eine intime Kampfzone.

Später im Café sagt Katharina Hartwell, dass es im wöchentlichen Colloquium immer ganz schnell um mehr gegangen sei als um richtige Worte und gutes Schreiben. Ums Ganze, um eine Haltung, um das Leben an sich. „Man landet sehr schnell bei Glaubensfragen“, sagt sie, „wie siehst du überhaupt die Liebe. Und das Leben.“ Hinter dem Werk scheine immer die Persönlichkeit durch. Wen sie als Person weniger mochte, dessen Prosa konnte sie nicht lieben und dessen Kritik nicht annehmen. Von außen betrachtet wirkt der zweijährige Master-Studiengang Literarisches Schreiben am „DLL“, so der unprosaische Rufname des Instituts, wie eine Anleitung zum Müßiggang. Einmal pro Woche Textbesprechung, ansonsten freie Schreibzeit. „Aber das ist ganz harte Kopfarbeit“, sagt Katharina Hartwell.

Texte werden seziert

Durch das systematische Text-Sezieren habe sie gelernt, Texte analytischer zu lesen. Mit antrainiertem Röntgenblick. Das versaute ihr den Spaß am Lesen. Häufig bricht sie vier, fünf Bücher hintereinander ab, weil sie Konstruktionsfehler entdeckt oder laxe Formulierungen. Lesen und Schreiben ist alles geworden für sie, aber das Schreiben ist komplizierter geworden. „Die Leichtigkeit ist weggefallen, das nervt“, sagt sie. Sie hat gelernt, ihren Stil gegen massive Kritik zu verteidigen. „Über mir schwebte immer der Kitschvorwurf“, sagt sie. Anfangs wollte sie es allen recht machen. Heute ändert nicht mehr jeder Einwurf ihren Ausdruck. Kaum ein Studium, das so existentialistisch die ganze Persönlichkeit fordert wie ihres.

Dabei sollte es das DLL gar nicht geben. Das liegt an dessen Vorgänger. In der DDR lernten junge Schriftsteller ihr Handwerk am „Johannes R. Becher Institut“, benannt nach dem gleichnamigen Autor und DDR-Kulturminister. Namhafte Schriftsteller wie Erich Loest und Sarah Kirsch gehörten zu den Absolventen. Nach dem Ende der DDR war im Osten, der nun auch zum Westen gehörte, das Schriftstellerdiplom suspekt. Eine Tradition des creative wiriting wie in den USA gab es im Westen Deutschlands nicht. Aber Absolventen betonten, das Leipziger Institut sei keine sozialistische Kaderschmiede gewesen, sondern eine Talentschmiede. So wurde die Schreibwerkstatt 1995 als DLL reanimiert. Eine 30-seitige Probe-Prosa muss die Jury in Ton und Sprache vom literarischen Talent überzeugen. Auserwählte erhalten einen der ganz wenigen Plätze. Wer es ans Institut schafft, kann bereits schreiben.

Im Bachelor-Studiengang lernen die Studenten auch Drama und Lyrik, der Weg zum Master führt allein vom Konzept bis zum fertigen Roman. Juli Zeh studierte am DLL – und wurde die bekannteste Stimme ihrer Generation. Andere Absolventen arbeiten längst als Journalisten oder machen was ganz anderes. Ein Abschluss am Institut ist keine Garantie. Einen Verlag müssen die jungen Schriftsteller selbst finden. Das Trainingslager für Literaten ist eine Zwischenstation. Das Schreiben begannen die meisten Absolventen lange vorher, die Karriere im Literaturbetrieb liegt noch unerschlossen vor ihnen.

Schriftstellerin ohne Plan B

Katharina Hartwell hat geschrieben, seit sie denken kann. Kleine Märchen als kleines Mädchen, später Abenteuergeschichten und Krimis. An den Wochenenden besuchte sie Schreib-Werkstätten, nahm an Wettbewerben teil. Erst an regionalen, schließlich bundesweit. Sie stand im Finale vom Open Mike, dem wichtigsten Talent-Wettbewerb des Landes. Vor drei Jahren gewann sie den überregional beachteten MDR-Kurzgeschichtenpreis. Die renommierte Literaturagentur Graf & Graf in Berlin wurde auf sie aufmerksam und schloss einen Vertrag mit ihr. Katharina Hartwell hat mit nicht mal 30 Jahren schon eine Ochsentour im Literaturbetrieb hinter sich. Sie hat sich gegen die Dissertation in Anglistik entschieden, obwohl sie leidenschaftliche Nachwuchs-Wissenschaftlerin an der Uni in Frankfurt am Main war, Fachgebiet gender studies. Aber Doktorarbeit und Romanschreiben, das schafft vielleicht Juli Zeh, sie nicht. Katharina Hartwell hat alles auf die Karte Schriftstellerin gesetzt. „Ich hatte keinen Plan B“, sagt sie und hält die Worte mit einem Blick, der jeden Zweifel verbietet und jeden Verdacht auf Koketterie ausräumt. Alles oder nichts. Es sieht aus, als habe sie alles richtig gemacht.

Katharina Hartwell geht voran über die imposante Freitreppe in der klassizistisch weiß getünchten Eingangshalle der Bibliothek Albertina. Durchschreitet den großen Lesesaal, biegt ab in die Amerikanistik, wo sie zwischen Regalen eine Wendeltreppe ansteuert, die hoch führt in einen abgelegenen Winkel, der in raumhohen Regalen soziologische Fachliteratur aneinander reiht. Neben Büchern zur Geschlechterforschung, die sie an ihr früheres Leben als Nachwuchs-Wissenschaftlerin erinnern, zeigt sie auf den hintersten von wenigen Schreibtischen, flüstert: „An dem da. Weil einem da keiner gegenüber sitzt.“ Hier hat sie ihren ersten Roman geschrieben. Nicht wirklich den ersten, aber für den allerersten fand sie keinen Verlag. Für diesen, der ihr den Titel Master einbringen soll, ist sie jeden Tag in die Albertina gekommen. Mal für drei, mal für sechs Stunden. Weil es hier kein Internet gibt, nichts, das sie hätte ablenken können. Ihre Agentin hat einen Verlag gefunden. Im nächsten Jahr wird ihr Roman-Debüt im renommierten Berlin Verlag erscheinen.

Hat sie ein Lebensthema? So wie John Irving die Familie? Katharina Hartwell überlegt, eine Nachdenklichkeit, die nicht gespielt ist. „Mich interessiert die Personenpsychologie über alles. Veränderungen. Brüche. Was das mit Menschen macht.“ Ihr Roman ist in Episoden erzählt. Sie schickt ihr Personal durch Epochen und verschiedene Formate von Historie bis Fantasy. Und es gibt einen überraschenden Schluss. Viel mehr verrät sie nicht. Sie steht zwischen den Zeiten. Heute ist ihr letzter Studientag. Ein Leben als Schriftstellerin liegt vor ihr. Verspürt sie Wehmut? „Ist schon ok“, sagt sie. Das Studium, die Nähe zu den Kommilitonen, das unablässige Spiegeln und Bespiegeltwerden waren zermürbend für sie. Ja, sagt Katharina Hartwell, sie schreibe jetzt anders als vor dem Studium. Aber welchen Anteil das Institut daran habe, könne sie nicht sagen.

Der Roman, dieser einschüchternde Berg

In diesem allerletzten gemeinsamen Colloquium spricht Josef Haslinger eine Art Schlusswort. Der Ratschlag des erfahrenen Romanciers. Ein wenig spricht auch ein väterlicher Freund. Man sei einen weiten Weg miteinander gegangen. Alle Buchprojekte seien auf einem guten Weg. Er rät seinen Studenten, den Abschluss des Romans nicht zu überstürzen: „Sie sollten das Beste geben, das sie können.“ Kritik werde es geben, so oder so. „Egal wie es ankommt, haben sie dann festen Boden unter den Füßen.“ Er selbst hat fünf Jahre für seinen ersten Roman gebraucht. Es ist ein feierlicher, stiller Moment. Einigen werden Haslingers Worte den Druck nehmen, ihren Roman, diesen einschüchternden, steilen Berg, auf den letzten Metern hoch sprinten zu wollen. Katharina Hartwell ist längst weiter. Lohn von Ungeduld und Disziplin. Sie packt ihre Sachen zusammen, es fällt ihr nicht schwer zu gehen. Sie wird noch ab und zu in die weiße Villa kommen. Ihr Freund studiert auch am Institut, sie hat ihn hier kennen gelernt. Eine Literatenliebe.   Längst geht sie wieder jeden Tag in die Albertina, die mondäne Treppe hinauf, allerdings nimmt sie oben auf dem Flur nicht die linke die Tür wie all die Monate, sondern die rechte, durchstreift ein Labyrinth aus Regalen, steigt eine andere Treppe hinauf. Zwischen den Regalen der Romanistik, deren schwere Metallräder nach Schiff aussehen, hat sie einen neuen Schreibtisch gefunden, von dessen Existenz die meisten Besucher nichts wissen. Hier sitzt sie nun wieder jeden morgen. Schreibt, denkt, überarbeitet die Sätze ihres nächsten Romans. Das Ende eines Romans wird für sie zur Qual, sagt Katharina Hartwell. Wenn auch die aufgeschobenen Korrekturen erledigt und herausgezögerte Entscheidungen getroffen werden müssen. Der Anfang aber ist Euphorie. Sie steht ganz am Anfang.

Erschienen im Frankfurter Allgemeine Hochschulanzeiger

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