November, 2014

Heimat hinter Stacheldraht

Wenn die Einwohner des litauischen Dorfs Sakaline zu ihren einstigen Nachbarn schauen, blicken sie nicht nur in ein anderes Land, sondern in eine andere Welt. Die EU-Außengrenze hat hier ein ganzes Dorf geteilt, Familien zerschnitten und zu Abwanderung geführt.

Denn der östliche Teil des Ortes heißt heute Kulkischki, gehört zu Weißrussland und wird durch einen Zaun mit Videokameras und Nato-Draht von Sakaline getrennt. Hier, mitten im Ort, endet die Europäische Union. Besuche sind nur mit teuren Visa möglich. Eine Grenze, die plötzlich Familien trennt, Freunde entzweit, ganz ähnlich der deutsch-deutschen Grenze, die sich einst mitten durch den thüringisch-bayerischen Ort Mödlareuth zog.

von Mark Michel

 

ARTE yourope – Reportage (5min)

MDR – Heute im Osten – Die Reportage (15 min)

 

Heute im Osten – Die Reportage

Mödlareuth – ein kleiner Ort an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen. 41 Jahre lang verlief mitten durch den Ort die deutsch-deutsche Grenze. Teilung ist in Mödlareuth lebendige Geschichte.

Arnold Friedrich führt als Zeitzeuge Schulklassen durch den Ort, die das deutsch-deutsche Museum hier besuchen. Als BGS-Beamter schob er Dienst auf der Westseite der Mauer und später war er Bürgermeister hier im Ort.

Arnold Friedrich, ehemaliger Bürgermeister Mödlareuth

In Mödlareuth selbst haben natürlich diese Grenzziehung und die immer stärker werdenden Grenzsicherungsmaßnahmen dazu geführt, dass die vorher intakte Dorfgemeinschaft auseinander gerissen war. Die Leute durften nicht miteinander sprechen, durften sich nicht einmal zuwinken. Die Dorfgemeinschaft war im Endeffekt total auseinander gerissen. Es gab im Endeffekt zwei Dorfgemeinschaften.

 

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Der Tannbach, der mitten durch Mödlareuth fließt, trennt schon seit gut 400 Jahren das Dorf in eine thüringische und in eine bayerische Seite. Nach dem Krieg konnte man hier noch ohne Probleme die Seiten wechseln. Doch dann wurde 1952 auf der Ost-Seite ein übermannshoher Bretterzaun errichtet. Dann kam ein Stacheldrahtzaun. Und 1966 baute die DDR dann eine Mauer mitten durch den Ort. Die trennte den Ort, Freundschaften und Familien.

Arnold Friedrich, ehemaliger Bürgermeister Mödlareuth

Wenn irgendwo blaue Babywäsche hing, dann hat man gewusst da ist ein Junge geboren. Oder wenn die Leute Trauerkleidung getragen haben, und die Oma hat gefehlt, dann wusste man, die Oma ist verstorben. Was ist denn auf der anderen Seite? Was sind denn das für Menschen? Das sind ja Deutsche wie du und ich. Was machen die, was denken die? Man hat sich da schon immer Gedanken gemacht, was ist denn da auf der anderen Seite los?

Klein Berlin nannten sie damals Mödlareuth. Heute ist in Mödlareuth die Teilung und Trennung Geschichte, doch in einem anderen Teil Europas ist genau das nun wieder Realität geworden.

Nämlich in Sakaline, einem kleinen verschlafenen Dorf ganz im Osten Europas – in Litauen, an der weißrussischen Grenze. Ein hoher Stacheldrahtzaun zerteilt hier das Dorf in eine weißrussische und in eine litauische Seite. Der Zaun, das ist die  EU-Außengrenze – eine Art neuer Eiserner Vorhang, wenn man so will. Seit dem der Zaun hier steht, verlassen immer mehr Leute den Ort. Denn viel passiert hier nicht mehr. Allein die Alten bleiben. Die Grenze ist ein Fluch für die einst lebendige Grenzregion.

 

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Direkt neben der Grenze treffen wir Jan Kildanavicius (Jan Kiilldanaahwitschuss). Er ist hier in diesem Haus geboren und in Sakaline aufgewachsen.

Jan Kildanavicius: Das hier drüben ist Weißrussland, und hier nebenan, Litauen, da steht meine Datsche. Weißrussland – Litauen.

Jan scherzt und sagt, er hätte den am besten bewachten Garten von ganz Litauen. Denn gleich ein paar Meter weiter stehen Tag und Nacht Grenzbeamte.Die europäische Außengrenze zerteilt das Dorf. Die Grenze hat Familien und Freundschaften entzweit und Arbeitskontakte gekappt.

 

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Jan Kildanavicius:

Ich habe dort Verwandte ja. Cousins und der Bruder meiner Frau leben noch dort drüben auf der anderen Seite. Da sind schon viele Verwandte und Menschen die ich kenne.

Der östliche Teil des Ortes heißt heute Kulkischki, gehört zu Weißrussland. Dem Land, welches der autoritäre Präsident Lukaschenko regiert. Und das politische Lichtjahre von der EU entfernt scheint. Hier aber sind es nur ein paar Meter. Auf der weißrussischen Seite herrscht Verfall, nur noch wenige wohnen dort.

Jan Kildanavicius:

Als es noch keine Grenze gab, war es ein Dorf und wir haben uns alle besucht. Heute aber ist da drüben ein anderes Land. Ich kenne viele Leute von dort und die kennen mich. Manchmal können wir durch den Zaun miteinander sprechen. Und wenn man ein Visum hat, kann man auch rüber gehen, aber vorher muss man eine Rundreise machen, um das Visa zu bekommen. Wir müssen erst ungefähr 30 Kilometer weit zum nächsten Grenzübergang fahren um dann von da wieder hier nach drüben zu fahren.

Zu Beginn war es noch ganz normal, sich durch den Zaun hinweg zu unterhalten. Heute ist das nicht mehr erlaubt. Es sei denn die Grenzbeamten drücken mal ein Auge zu.

 

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Albertas Chvatas, Grenzpatroullie Litauen:

Am Anfang wussten wir auch manchmal nicht wo die Grenze verläuft. Da war kein Zaun und wir sind den Weg hier 200 Meter weiter drüben Patroullie gefahren. Aber später wurde die Grenze dann markiert. Ich verstehe dass es für die Bewohner hüben wie drüben nicht einfach ist. Aber mittlerweile haben sie sich daran gewöhnt.

Sakaline ist nicht der einzige Ort in der Region der getrennt ist. Ein paar Kilometer treffen wir die 72-jährige Jadwiga. Auch sie hat Verwandte auf der anderen Seite in Weißrussland, nur ein paar Meter weiter.

 

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Ja das sind enge Verwandte, väter- und mütterlicherseits.  

—  Können sie mit ihnen sprechen?

Wie könnte ich das? Das geht nur am Telefon. Manchmal rufen wir uns an.

Versucht doch einfach mal rüber zu gehen. Die Grenzschützer werden euch dann einfangen. (lacht

Seitdem Litauen 2004 in die EU eingetreten ist, wurde hier an der Grenze zu Weißrussland die neue Außengrenze sukzessive immer weiter ausgebaut. Mit europäischer Hilfe wurde der Zaun errichtet und Video-Kameras wurden installiert. Grenzer patroullieren regelmäßig. Eine hochgesicherte Grenze wie in Mödlareuth, nur einen Schießbefehl gibt es hier nicht.

Der nächste Grenzübergang Salcininkai  ist 10 Kilometer von Sakaline entfernt. Hier endet die EU. Und hier sucht Europa nach Sprit, Zigaretten, Alkohol, die in Weißrussland billiger sind. Und überwacht die Ausreisen, vor allem aber die Einreisen.

 

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Für die Menschen der Region sollte es eigentlich eine ganze Reihe kleiner Übergänge geben – doch auf die wartet man hier, 10 Jahre nach dem EU-Beitritt vergeblich.

Ceslava Marcinkevic – Bürgerrätin Dieveniskes:

Den Menschen hier wurde mehr Freiheit versprochen. Beim Bau der Grenze wurden ihnen gesagt, es würde viel mehr kleine Grenzübergänge geben. Deshalb hatte auch niemand Angst wegen der Grenze. Doch diese Grenzübergänge gibt es nicht. Nur einen großen. Wir fragen uns schon, ob wir hier nicht irgendwie eingesperrt sind.

Noch einmal zurück Mödlareuth. Das Dorf ist heute wieder vereint. Die Teilung Geschichte. Auch in den Köpfen der Leute.

Arnold Friedrich, ehemaliger Bürgermeister Mödlareuth:

Das war ja das Überraschende, das nach Öffnung der Mauer, bereits als dieser kleine Fußgänger-Grenzübergang eingerichtet war, die Leute wieder sofort zueinander gefunden hatten und miteinander gefeiert hatten und auch miteinander diskutiert hatten. Und das es komischer Weise nicht eine Ost-Fraktion gab und eine West-Fraktion, sondern die Meinungen zum großen Teil queerbeet gingen.

Was bleibt, ist ein mahnendes Grenzmuseum deutsch-deutscher Geschichte. Mödlareuth ist wieder ein ganz normaler Ort im Herzen Deutschlands, der nicht mehr im Nirgendwo, im damaligen Zonenrandgebiet liegt.

Die Gegend um Sakaline ist jetzt Randgebiet, Randgebiet der EU. Seit dem Beitritt Litauens blutet die Region aus. Wer hier bleibt, findet keine Arbeit. Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit bestimmen den Alltag. Wenige Tage zuvor, ist wieder ein 29-Jähriger durch Alkoholmissbrauch gestorben. Wer jung ist, verlässt die Region, geht in die Hauptstadt oder ins Ausland. Für immer.

 

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Anzelika und Olga zählen zu den wenigen jungen Leuten, die nach dem Studium zurückgekommen sind und hier arbeiten, als Sozialberater.

Anzelika Moroz, Sozialverwaltung Dieveniskes:

Die jungen Leute gehen meistens nach Vilnius, wenn sie die Möglichkiet haben. Sie verlassen die Region. Die die bleiben sind die Alten oder die jungen die sich kaum Gedanken um ihre Zukunft machen. Sie trinken extrem viel Alkohol. Sie sind so alt wie ich, aber sehen viel viel älter aus.

Heute besuchen Anzelika und Olga eine siebenköpfige Familie. Der Vater, gelernter Maurer, findet hier kaum Arbeit. Seit Jahren trinkt er. Anzelika bittet ihn, endlich damit aufzuhören. Denn schon einmal mussten sie die Kinder in ein Jugendheim bringen, als auch die Mutter noch getrunken hat. Was hier fehlt in der Region sind Arbeitsplätze, erzählt Anzelika.

 

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Anzelika Moroz, Sozialverwaltung Dieveniskes:

Hier gibt es einfach keine Arbeit. Wenn genügend Arbeit da wäre und die Jobs halbwegs gut bezahlt wären, würden die Leute auch hier bleiben und müssten nicht woanders hingehen. Aber hier gibt es bestenfalls Dorfläden und Schulen, und sonst nichts.

Die neue Grenze hat das Leben hier verändert. Was vorher eine Region war ist nun geteilt.

Olga Pavlovskaja, Sozialverwaltung Dieveniskes:

Die eine Hälfte der Leute ist auf der weißrussischen Seite und der Rest ist hier. Es gibt Fälle, da lebt die Schwester dort und der Bruder lebt hier. Für die Leute ist das schwierig, in der Tat.

Von Trennung handelt auch die Geschichte von Leokadija. Seit Jahren lebt sie allein. Noch ist sie verheiratet. Doch ihr Ehemann lebt auf der anderen Seite der Grenze, in Weißrussland, keine 50 Kilometer weit entfernt.

Leokadija Gordievic

Er kommt nicht mehr weil das Visum zu teuer ist. Und ich gehe nicht mehr zu ihm, weil ich kein Geld habe.

Leokadija möchte sich scheiden lassen. Doch die Anwaltskosten für ein Auslandsverfahren sind horrend. Eines der vielen Problemfälle für die Bürgerrätin Ceslava Marcinkevic. Sie zeigt uns einen kleinen Friedhof in der Nähe von Leokadija in Norviliskes (Nowillischkess). Auch hier teilt die Grenze eine gewachsene Gemeinschaft.

 

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Ceslava Marcinkevic – Bürgerrätin Dieveniskes:

Früher, als es hier diese Grenze noch nicht gab, war es eine gemeinsame Kirchgemeinde. Die Menschen machten keine Unterschiede zwischen sich, nach dem Motto „Ich komme aus Weißrussland“ oder „Ich komme aus Litauen“. Die Leute waren ein Kirchgemeinde, Verwandte. Jetzt ist hier alles anders. Die Geschichte hat sich verändert. Heute kommen nur noch die Litauer in die Kirche und auf den Friedhof, die aus Weißrussland kommen nicht mehr.

Vor einigen Jahren hat man hier über den Zaun noch Gestecke und Blumen herüber gereicht.  Heute ist das verboten.

Wir sind noch einmal in Sakaline (Sakkalinä), dem geteilten Dorf und treffen noch einmal Jan Kildanavicius. Er, so scheint es, hat sich mit der Grenze arrangiert, denn Grenzen kennt er schon sein ganzes Leben lang.

Jan Kildanavicius:

Als man zum ersten Mal ein Kreuz hier hin stellte, gehörte die Region zu Polen und später kamen die Deutschen, und dann lebte ich in der Sowjetunion. Meine Mutter ist in Polen geboren, mein Vater in Litauen, ich selbst in der Sowjetunion und meine Frau in Weißrussland. Und alle haben wir hier in einem Haus gewohnt. Nur die, die an der Macht sind, haben gewechselt.

 

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Wer weiß, mit welchen Grenzen die Kinder der Region hier einmal leben werden,  wenn sie erwachsen sind. Der Lauf der Geschichte zeigt immer wieder: Alte Grenzen verschwinden und neue Grenzen entstehen.

 

Autor: Mark Michel

Kamera: Mark Michel

Schnitt: Mark Michel

 

 

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