„Hass hat immer eine Rolle gespielt“

Seit 2011 leistet sich das sächsische Innenministerium ein Aussteigerprogramm für Extremisten. Vor allem Neonazis sollen so konkrete Angebote erhalten, sich von der rechten Szene zu lösen. Das funktioniert, wenn auch in einem überschaubaren Umfang. Trotzdem spricht man von einem Erfolg. Denn die Aussteiger ermöglichen Einblicke in eine Szene, die als extrem gewaltbereit gilt. Ein Gespräch mit Enrico, der ausgestiegen ist.

Ich lerne Enrico im Internet kennen – mit Kaputzenpulli und Sonnenbrille, verschwommenem Gesicht und verzerrter Stimme. Es sind kurze Interviewsequenzen, in denen er über die Zeit vor und nach seinem Ausstieg erzählt. Zwischen Enricos verfremdeten Bildern sind Aufnahmen von Neonazi-Demos und Rechtsrockkonzerten zu sehen. Den Link geschickt hat mir das Aussteigerprogramm Sachsen. Ihr erstes Youtube-Video mit Enrico ist 53 Sekunden lang – elf weitere hat die Initiative mittlerweile online gestellt. Die Filme sollen Neonazis zum Ausstieg bewegen, ihnen einen Weg raus aus der Szene aufzeigen – und vermitteln, welch‘ Hass und Menschenfeindlichkeit bei Rechtsradikalen an der Tagesordnung ist. Gegen alles, was nicht ins eigene Weltbild passt: Juden, Linke, Schwule, Lesben, Ausländer:Wir haben angehalten, sind aus den Autos raus und haben die zusammengeschlagen – mit Fäusten, mit Füßen, mit Gegenständen. Ich war teilweise wie in so einem Rausch.“

Seit vier Jahren ist Enrico raus aus der Szene. Wir treffen uns an einem unauffälligen Ort in Leipzig – kein Klingelschild, keine Namen, keine Details. Bis heute lebt Enrico zurückgezogen, seine wahre Identität kennt nur sein Beraterteam. Knapp zwei Stunden unterhalten wir uns über seine rechte Vergangenheit. Der Deal zum Interview: Enrico bleibt anonym, seine Antworten erscheinen nicht im Originalton, werden nachgesprochen. Niemand soll Rückschlüsse ziehen können: „Ich bin vor vier Jahren ausgestiegen. Hab vom ersten Tag an jeglichen Kontakt zur rechten Szene abgebrochen, bin in eine andere Stadt gezogen, hab eine Familie gegründet und Kinder bekommen. Das Propagandamaterial hab ich dem Aussteigerprogramm übergeben, einiges hab ich auch selbst vernichtet. Angst hab ich bis heute. Die rechte Szene ist wie eine Sekte, wer aussteigt, gilt als Vaterlandsverräter und hat den Tod verdient.

Enrico war über 20 Jahre in der rechten Szene in Sachsen aktiv, hat sich vom freien Kameraden langsam zum NPD-Mitglied hochgearbeitet. Bereits mit 13 rutscht er in die Szene ab, stellt sich gegen das System. Er rebelliert früh, erst gegen die Enge in der DDR, dann, kurz nach der Wende, gegen die neue Freiheit mit all ihren Unsicherheiten. Enricos Familie bricht auseinander, die Eltern trennen sich, er sucht Halt bei neuen Freunden. Seine Ersatzfamilie trifft Enrico bald regelmäßig im Jugendclub: sie tragen Springerstiefel und Bomberjacken, abrasierte Haare, grölen Nazilieder. Wer nicht mitzieht, wird selbst verprügelt und auf Linie gebracht.

 

Beitrag hören bei Deutschlandfunk Kultur.

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.