Eine ereignisreiche Woche für die „Kurden“ von Aleppo

Viele Medien haben den Syrien-Krieg aus den Augen verloren. Den Beitrag wirft einen Blick zurück auf die Lage der Kurden in Aleppo vor fünf Jahren - als es unter ihnen noch so etwas wie Hoffung und Einigkeit gab. Mittlerweile leben in Alppo kaum noch Kurden und auch mit der Einigkit ist es vorbei.

Gedenken an der „Aufstand“:Eine ereignisreiche Woche für die „Kurden“ von Aleppo

Angriff auf den Al-Bakara-Clan und Erklärung des “Rats des Volkes von Kurdistan”

Our City – Exklusiv – Tarek Khello

Am vergangenen Dienstagvormittag gegen 10 Uhr wurde die Kurdin Kuli Salmu zu ihrer letzten Ruhestätte geleitet. Sie war vor einigen Tagen während einer Auseinandersetzung im Sheikh-Maqsud-Viertel in Aleppo von der Kugel eines Mitglieds des Al-Bakara Clans getroffen worden.

Der Trauerzug bot einen stattlichen und für Syrien ungewöhnlichen Anblick: mit Dutzenden junger Menschen besetzte Busse, zahlreiche Autos und Kleintransporter. An vielen Fahrzeugen wehten in aller Öffentlichkeit kurdische Flaggen. Auch Porträts des kurdischen Führers Abdullah Öcalan und natürlich Fotos der Verstorbenen waren zu sehen.

Der Zug bewegte sich auf erstaunlich leichte und dynamische Weise vorwärts. Die jungen Leute der kurdischen „Sicherheitskräfte“ mit ihrer einheitlichen Kleidung machten den Weg für den Konvoi frei, sie organisierten den Marsch und standen im Kontakt zur Verkehrspolizei um sein Passieren zu erleichtern. Startpunkt war natürlich der Geburtsort von Kuli. Sie stammt aus einem Dorf namens Qatma in der Gegend von Afrin.

Nicht nur der Anblick selbst war ungewöhnlich, sondern auch die in der kurdischen Muttersprache skandierten Parolen, die in den Straßen von Aleppo wiederhallten sowie andere Parolen, die die „Einheit des kurdischen Volkes“ proklamierten. Am meisten stachen an diesem Tage diese Ausrufe hervor: „Shahid Namurai“, was auf Arabisch bedeutet: „Der Märtyrer stirbt nicht“, „Eins, eins das syrische Volk ist eins“ und „Eins, eins das kurdische Volk ist eins“.

Am Abend des Vortags hatten die Kurden sich zu einem großen Gedenkmarsch an die sogenannte „Aufstand von Qamishli“ versammelt. Der Marsch begann im Sheikh-Maqsud-Viertel (im Gebiet der Maaruf-Moschee), führte weiter auf die Hauptstraße, bis in der Nähe des Friedhofs. Es gab keine Konflikte mit Polizei und Sicherheitskräften. Es gab keine Verletzten. Anschließend löste der Marsch sich auf und ein paar junge Leute machten sich zu einer Demonstration am Hannan-Krankenhaus auf, um sich nach Kulis Befinden zu erkundigen (vor ihrem Tod), die dort seit drei

 

Sheikh Maqsud: Mord vor der Bäckerei 

Es war kein gewöhnlicher Tag im westlichen Sheikh-Maqsud-Viertel (das einen hohen Kurdenanteil hat) gewesen. Eine Auseinandersetzung vor der Brotbäckerei zwischen jungen Leuten des Al-Bakara-Clans und einigen jungen Leuten aus dem Viertel führte zum Tod der Frau Kuli sowie zur Entführung einer kurdischen Aktivistin. Das verschärfte die Lage und war Auslöser für die „“ der Viertelbewohner und zum Gegenangriff und Niederbrennen einiger Häuser des Al-Bakara-Clans.

Einer der Bewohner des Viertels erzählt dem Our-City-Nachrichten-Netzwerk, was er an diesem Tag gesehen hat: „Während die Leute an der Bäckerei anstanden, kamen Bewaffnete vom Al-Bakara-Clan. Sie wollten große Mengen Brot gewaltsam an sich nehmen, trotz der Anwesenheit einiger junger Männer, die dort für Ordnung sorgten. Sie beschimpften die Leute und als einer der Männer sie ansprach, schlugen sie ihn zusammen. Eine Frau namens Kuli (deren Name auf Arabisch „Blume“ bedeutet) mischte sich ein und bat die Al-Bakara, den Mann in Ruhe zu lassen. Sie versuchte, sich mit ihrem Körper zwischen sie und den Mann zu drängen. Daraufhin schoss einer der Al-Bakara-Männer auf ihren Kopf. Die Situation eskalierte noch mehr und schürte die Wut der Kurden. Dann schossen die Al-Bakara-Leute in die Luft, um die Leute auseinander zu treiben.“

Der Zeuge fügt hinzu: „Während des Durcheinanders und der Schüsse haben die Al-Bakara eine junge Frau aus dem Viertel entführt. Sie ist Journalistin und ist für den Sender „Ronahi“ tätig. Sie arbeitete gerade an einer Fernsehreportage über die Lage in Aleppo. Der Sender berichtet jeden Tag von 21 bis 24 Uhr über die Situation der Kurden in Aleppo.“

 

Die Sicherheitskräfte: 

Mit Beginn der Protestbewegung des Volkes in Syrien und mit der „neuen“ Freiheit für die Kurden in Syrien, wählten die Bewohner des Sheikh-Maqsud-Viertels in Aleppo, so wie auch andere kurdische Bewohner der syrischen Gebiete und Städte, ihren Vertreter in den „Volksrat Westkurdistans“ sowie die Mitglieder der „Sicherheitskräfte“, die kurdischen Parteien in Syrien angehören.

Wie einige Bewohner des Sheikh-Maqsud-Viertels berichteten, begannen die „Sicherheitskräfte“ nach wiederholten Übergriffen des Al-Bakara-Clans auf die kurdischen Viertel, deutlich sichtbare Präsenz im Viertel zu zeigen. Die Bewohner des Viertels führen dies auf das Sicherheitsvakuum im Viertel zurück sowie auf die Untätigkeit der Polizei, die nicht einschritt um sie vor den Angriffen des benachbarten Clans zu beschützen.

Die „Sicherheitskräfte“ bestehen aus jungen Freiwilligen aus dem Viertel. Sie schwärmen mit dem Ziel in die Straßen aus, „die Sicherheit zu wahren“. Sie sind erkennbar durch ihren „Schal“, den sie um den Hals tragen und der die Farben der kurdischen Flagge trägt. Sie patrouillieren in den Straßen um jegliches Fehlverhalten zu ahnden oder bei auftretenden Problemen zu intervenieren.

Ein Mitglied der „Sicherheitskräfte“ sagte dem Our-City-Nachrichten-Netzwerk zu ihrer Arbeit: „Wir tun niemandem etwas, aber wir bewachen das Viertel vor allen potenziellen Angriffen von den Al-Bakara. Wir erhalten Weisungen von unserer Führung in Al-Jabal.“

 

“Die Rache” 

Der erwähnte „Bäckerei“-Vorfall konnte von den Mitgliedern der „Sicherheitskräfte“ nicht ohne weiteres ignoriert werden. Die „Schulden“ der am Angriff beteiligten Al-Bakara-Familien mussten beglichen werden, zumal eine junge Frau entführt und eine Frau verwundet worden war (bevor sie später verstarb).

In diesem Zusammenhang sagte ein Mitglied der „Sicherheitskräfte“: „Als der Vorfall passierte, riefen sie mich an und sagten, dass eine Frau getötet und eine Journalistin aus dem Viertel entführt worden sei und dass wir sofort intervenieren müssten um sie zurückzuholen. Daraufhin griffen wird drei Häuser der Al-Bakara an sowie zwei Autos des Anführers der jungen Männer, die uns attackiert hatten. Er heißt „Ahmed Subhi“, wir zündeten die Häuser an und hissten die kurdische Flagge auf ihnen“.

Er ergänzte: „Die in der Nähe von Subhis Haus postierte Polizei griff nicht ein, da sie wusste, dass seine Verwandten in die Luft feuerten um uns abzuschrecken. Selbst die Jugendlichen und Minderjährigen hatten Maschinengewehre und feuerten in die Luft. Aber sie flohen allesamt bei unserem Eintreffen, einige von ihnen flohen mit den Polizeiautos.“ In Folge dieses Angriffs wurde die entführte Journalistin am folgenden Tag freigelassen. Dagegen blieb eine der Al-Bakara-Familien vor Ort, aus dem Hause „Faris“, niemand griff sie an. Sie blieben neben den angezündeten Häusern wohnen.

 

“Freie Armee” bietet Unterstützung an:

Der Vorfall blieb der sogenannten „Freien Armee“ nicht verborgen. Sie nahmen Kontakt auf, um die Kurden gegen die Al-Bakara zu unterstützen. Denn ein Teil des Al-Bakara-Clans war bekannt dafür, in den jüngsten Ereignissen an der Seite des Regimes zu stehen. Es scheint, als wollte die „Freie Armee“ den Bäckereivorfall mit diesem Angebot politisch instrumentalisieren.

In diesem Kontext sagte ein Mitglied des „Volksrats Westkurdistans“ dem Our-City-Netzwerk: „Vertreter der „Freien Armee“ kontaktierten uns und boten ihre Dienste an. Sie sagten: ‚Wir sind bereit, euch zu helfen und euch Waffen zu liefern, zumal die Angreifer zu den Al-Shabiha-Milizen gehören‘“. Er ergänzte: „Wir haben die Zusammenarbeit abgelehnt, denn unser Vorgehen war nicht gegen das Regime gerichtet, es ging vielmehr um unsere Rechte und darum, unsere Unterdrückung zu beenden.“

 

Sheikh-Maqsud heute:

Im westlichen Sheikh-Maqsud-Viertel ist nach dem Bäckerei-Vorfall wieder Alltag eingekehrt. Tagsüber patrouillieren weiterhin Mitglieder der „Sicherheitskräfte“, nachdem ihre Anwesenheit zur Aufrechterhaltung der Sicherheit laut  Aussagen von Einwohnern des Sheikh-Maqsud-Viertels „dringend notwendig“ geworden war.

Die Bewohner des Viertels gingen wieder auf die Gemüse- und Lebensmittelmärkte und die Transportmittel (Taxi, Bus) füllten wieder die Straßen – allen Gerüchten über Straßensperrungen und die Postierung von Bewaffneten in den Straßen zum Trotz.

Die kurdischen Einwohner Syriens hatten drei Monate zuvor öffentliche Wahlen in einigen syrischen Regionen abgehalten um an der Wahlurne über den sogenannten „Volksrat Westkurdistan“ abzustimmen. Seine Mitglieder bestehen aus Bewohnern der Viertel, meistens den Älteren, und ein Großteil der Viertel ist repräsentiert.

In diesem Kontext sagte ein Mitglied des sogenannten “Volksrates Westkurdistan” dem Our-City-Nachrichten-Netzwerk: “Wir repräsentieren die Menschen und helfen Ihnen mit Dienstleistungen. Beispielsweise im Falle von Gas- oder Heizölmangel bringen die Mitglieder Beschwerde beim Gouverneur von Aleppo vor, anstatt dass alle Leute sich beim Gouverneursgebäude versammeln und für eine Demonstration gehalten werden“.

Ihre Rolle beschränkt sich aber nicht auf Dienstleistungen, denn die Mitglieder kooperieren mit den – bereits erwähnten – „Sicherheitskräften“ wenn es um Sicherheitsaufgaben geht, besonders nachts. Dazu zählt die Errichtung von Straßensperren, die Organisation von Patrouillen zur Wahrung der Sicherheit und die Abwehr erwarteter Angriffe. Das Mitglied im „Volksrat Westkurdistan“ sagte zur Rolle der „Sicherheitskräfte“: „Junge Freiwillige, die über einzelne Waffen verfügen, sorgen für den Schutz. Sie sind eine Art Sicherheitskräfte, die „Karila“ genannt werden. An jeder Straßensperre versammeln sich 20-50 junge Leute und wechseln sich mit der Wache ab.“

Das Bedürfnis des Volkes nach “Sicherheit und Stabilität” ist der Hauptgrund für die Entstehung der sogenannten “Sicherheitskräfte”, der “Karila”-Milizen und sogar des “Rates des kurdischen Volkes”. Diese Organisationen traten nach dem jüngsten Vorfall unmittelbar in Erscheinung, während sie davor eher unsichtbar waren.

 

Die “Kurden” und die Al-Bakara – Geschichten und Erzähungen:

Die Häuser des Al-Bakara-Clans und die Häuser der Kurden sind nur wenige Meter voneinander entfernt. Sie sind seit 30 Jahren Nachbarn. Aber diese „Nachbarschaft“ war nicht frei von immer wieder auftretenden Spannungen. Dazu sagen einige Bewohner des westlichen Sheikh-Maqsud-Viertels: „Das ist das fünfte Mal, dass die Al-Bakara uns angreifen. Sie haben auch schon Geld von uns verlangt, in Form eines „Schutzgeldes“ obwohl wir sie nicht um Schutz gebeten hatten. Und mehr als einmal haben sie uns mit Waffengewalt gezwungen, die Läden zu schließen jeden geschlagen, der sich ihnen widersetzte.“

Als Erklärungsversuch für das Verhältnis zwischen den beiden Nachbarn und als Rechtfertigung für die Reaktion der jungen Kurden auf die Geschehnisse nach dem Bäckereivorfall an jenem Tage, sagte ein Mitglied des Volksrates Westkurdistan: “Meistens ist die Polizei in der Nähe des Hauses von Ahmed Subhi präsent. Als wir von ihr verlangten, zu unserem Schutz zu intervenieren, antworteten sie, sie seien weisungsgebunden und es gehe sie nichts an. Wir sollten den Dienststellenleiter aufsuchen. Trotzdem bemühten wir uns um Beruhigung und arbeiteten ständig darauf hin. Aber nach dem Bäckerei-Vorfall kam es zu einer Eruption der Wut unter den jungen Leuten, sie gingen auf die Straße und es geschah was geschah.“

 

Erklärung des “Rates des kurdischen Volkes”: 

In Gedenken an die sogenannte „“ der Kurden und die auf den Bäckerei-Vorfall folgenden Ereignisse gab der „Rat des kurdischen Volkes“ in Aleppo eine Erklärung ab, in der er darauf verwies, der Angriff auf die Häuser einiger Al-Bakara-Familien sei die Antwort auf „Druck und Einschüchterung“ gewesen, die diese Familien „mit Unterstützung des Staates und der Sicherheitsapparate“ ausübten, was die jungen Kurden dazu veranlasst habe, „sich zu erheben und die wehrlosen Bewohner zu verteidigen.“ Es veranlasste auch die „Vereinigung der kurdischen Jugend“ auf ihren Angriff zu reagieren, den sie gegen unser kurdisches Volk gestartet haben. Letztendlich wurde diese Familie aus dem Viertel vertrieben, wurden ihre Besitztümer verbrannt und einige von ihnen wurden durch den Wutausbruch des kurdischen Volkes verletzt“ und „das kurdische Volk hat bekräftigt, dass es zusammenhält und sich selbst und seine heiligen Stätten verteidigen kann, wenn es erforderlich ist“.

Weiterhin betonte die Erklärung, die “Kurden dürfen nicht in die Machenschaften des Regimes und anderer Parteien hineingeraten, die auf Gewalt zwischen den einzelnen Bestandteilen der syrischen Gesellschaft abzielen…“.

Die Erklärung forderte, dass „unser Volk die Initiative ergreift und die arabischen Familien in ihren Vierteln besucht, ihnen versichert, dass sie vereint gegen derartige Taten und Verbrechen sind und Brücken des Vertrauens auf Grundlage gegenseitiger Wertschätzung errichten. Das Volk muss sein gewohntes Leben auf natürliche Weise fortsetzen und soll keinerlei Aktivitäten ohne Rücksprache mit seinem Rat durchzuführen…“.

 

Der Al-Bakara-Clan:

Der Name: Manche sagen, die Bezeichnung “Al-Bakara gehe darauf zurück, dass sie von Al-Baqir abstammten, Mohammed Al-Baqir bin Zayid Al-Abideen ibn Al-Hussein.

Oder darauf, dass sie anders als die Beduinenstämme (die sich auf Kamele spezialisierten) oder den Al-Shawaya (spezialisiert auf Schafzucht), sich auf Rinder- und Büffelzucht spezialisierten, die in ihrem östlichen Verbreitungsgebiet, in Mosul und in der Gegend des heutigen Al-Hasaka verbreitet waren.

Ursprung: Wie erwähnt führen sie ihre Abstammung auf die Quraish über Mohammed Al-Baqir zurück. Allerdings sagen Abstammungswissenschaftler ihr Ursprung liege beim Taghlab-Stamm, der sich in der Zeit des Hamdaniden-Staats über die gleichen Orte erstreckte wie dieser.

Der Al-Bakara-Clan hat drei Gruppen: Abid, Ubaid und Sultan. Zudem gibt es Untergruppen wie Al-Kaliz, Bu-Muslim und Bu-Aasi.

Sie verteilen geographisch bis Baqara Al-Jabal, Az-Zour, Aleppo usw.

Angeführt wird der Clan zur Zeit von Nawaf Al-Bashir, der gegenwärtig als Oppositioneller gilt. Er ist Mitglied der Damaszener Erklärung. Es gibt Notabeln des Clans in jeder Region, die meisten Notabeln der Al-Bakara sind in Aleppo, die bekanntesten von Ihnen: Sutuf Al-Mari und Bakri Ashour von denen man weiß, dass sie eine unterstützende Position gegenüber der syrischen Regierung einnehmen und sich der Opposition entgegenstellen.

der Beitrag wurde am 17.03.2012 veröffentlicht zum Artikel „Original“ auf Arabisch

 

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