Ein deutscher Leidensweg

Als kleiner Junge überlebte Jochen Leibel den Holocaust. In seiner Geburtsstadt Leipzig, wo er verfolgt und gerettet wurde, sucht der Sohn einer jüdischen Mutter Spuren seiner verschütteten Herkunft.

Von Michael Kraske (Text) und Bernd Cramer (Fotos)

Nach dem Prozess gegen Klaus Barbie, den „Schlächter von Lyon“, war Jochen Leibel nicht mehr derselbe. 1987 saß der 47-Jährige als deutscher Auslandskorrespondent in Lyon im Gerichtssaal und hörte von Zeugen, wie Barbie nackte Frauen gefoltert habe. Er sah den hageren Mann trotzig schweigen. Mit dem Holocaust beschäftigte sich Leibel, weil es der Beruf erforderte. Dann sagte Barbie etwas, das sich dem Journalisten für immer einbrannte. „Er sagte fast wörtlich: Der Herrgott hat nicht erlaubt, dass wir das zu Ende bringen“, erinnert sich Leibel. „Ich war fassungslos.“

Er wusste, dass er als Zweijähriger mit seiner jüdischen Mutter aus Leipzig nach Auschwitz deportiert werden sollte und in Verstecken überlebt hat. Viel mehr wusste er nicht, weil seine Mutter lange nicht über das reden wollte, was für sie unaussprechlich war. Barbie wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Für Jochen Leibel war der Job erledigt. Das Thema aber ließ ihn nicht mehr los. Er bedrängte seine Mutter mit Fragen über seine ersten Lebensjahre in Leipzig, über die Deportationen. Warum sie überlebt hatten. Jochen Leibel begann die Suche seines Lebens.

Jochen Leibel Große Fleischergasse

Seitdem hat Leibel seine Geschichte als Rechercheur in eigener Sache zusammengetragen. Er stellte Anfragen an jüdische Gemeinden, spürte Verwandte auf, besuchte einen Onkel in New York, der ihm von der Flucht erzählte. Mit dem recherchierten Wissen konfrontierte er seine Mutter. Je mehr er herausfand, desto mehr war sie bereit, ihre Erinnerung preis zu geben.

Von Abschied zu Abschied

Mehrmals fuhr Jochen Leibel seither nach Leipzig, um seine Retterin zu besuchen: Johanna Landgraf war da eine kleine betagte Frau, die ihre Falten im Gesicht damit erklärte, ihr Leben lang gelacht zu haben. Auf einem alten, sepiafarbenen Passfoto, das sie als junge Frau zeigt, hat sie Ähnlichkeit mit Sophie Scholl. Johanna Landgraf überredete Jochens Mutter im Februar 1943, aus dem „Judenhaus“ zu fliehen, wo Juden nach dem Raub ihrer Wohnungen auf engstem Raum zusammen gepfercht lebten. Johanna Landgraf erzählte ihm in langen Gesprächen, wie sie Verstecke bei Freundinnen aufspürte und die Flucht organisierte. Wie er als kleiner Junge zu weinen begann, sobald er sie sah, weil er dann wusste, dass sie ihn wieder weg bringt. Zu anderen Leuten, an die er sich wieder gewöhnen musste. In eine neue Wohnung, in der ihm nichts vertraut war. Bis zum nächsten Besuch von Johanna, der einen neuen Abschied bringen würde.

Am 17. Februar 1943 sollte Jochen mit seiner Mutter nach Auschwitz deportiert werden. Ihre Namen standen auf der Todesliste. Stunden, bevor der Zug Leipzig verließ, schrieb seine Mutter einen Abschiedsbrief, in dem sie vorgab Selbstmord, begehen zu wollen. Jochen war zweieinhalb, als er mit seiner Mutter von der befreundeten Kommunistin Johanna in wechselnde Verstecke gebracht wurde. Aus dieser Zeit sind ihm nur Bildfetzen geblieben. Ein Grund, warum ihn seine ersten Lebensjahre lange so wenig beschäftigten. Sein Gedächtnis hatte nur harmlose Szenen gespeichert, keine angsterfüllte Erfahrung. Die Neugier ließ ihn zwar nachfragen, doch erst nach dem Barbie-Prozess suchte er vehement nach Wegen, das rigorose Schweigen der Mutter zu überwinden.

Spurensuche im Kloster

Er hatte sich immer als Hamburger Junge gefühlt. Als junger Journalist ging Jochen Leibel nach London, dann nach Paris. Sein Blick war in die Welt gerichtet, nicht nach innen. Erst bei seinen späteren Besuchen in Leipzig ersetzte er die blinden Flecken gelöschter Erinnerung durch Fakten. Auf dem alten jüdischen Friedhof fand er die Gräber seiner jüdischen Vorfahren. „Diese Gräber zeigten mir, dass meine Wurzeln in Leipzig liegen“, sagt Leibel. Er ist mittlerweile 68 Jahre alt, der Vollbart ist ergraut, der Anzug und die geschliffenen Sätze lassen sowohl den Journalisten als auch seine französische Wahl-Heimat erkennen. Leipzig ist für ihn Schicksalsort, Sehnsuchtsort, alles zugleich. Der Ort, wo er von Angst umgeben war, ohne sie selbst empfunden zu haben. Von wo sie ihn in den Tod schicken wollten, so wie sie es mit Angehörigen von ihm taten.

Jochen Leibel Friedhof

Das Leipziger Dominikaner-Kloster ist einer der wenigen Orte jener Zeit, an die sich Leibel nach all den Jahren noch erinnert. Auf dem Dachboden versteckte der Dominikaner-Pater Aurelius für einige Tage Juden, bevor sie an andere Orte gebracht wurden. Jochen Leibel ist mit seinem Sohn Nicolas hierher zurück gekehrt. Ein Pater in weißer Kutte begrüßt die beiden freundlich am Eingang, die Männer geben sich die Hand und tauschen Höflichkeiten aus. Bei seinem Besuch will Jochen Leibel weitere Mosaiksteine seiner Geschichte sammeln. Um zu verstehen, wie das damals war, warum er wurde, wie er ist. Sein Weg, auf dem zu Beginn so viel Kummer und Leid lag, hat ihn nicht hart gemacht oder mit Hass erfüllt. Im Gegenteil hat er Liebe und Glück gefunden. Das war überhaupt nur möglich, weil er mutige Helfer hatte, die ihr Leben riskierten, damit ein kleiner Junge überleben konnte.

Die Leiter zum Versteck

Der Pater führt zu einer Treppe, bei Jochen Leibel springt die Erinnerung an. Er war schon mal hier. Die Treppe war für ihn damals ein angsteinflößendes Hindernis: „Die war mir viel zu steil damals, ich musste auf allen vieren rauf“, sagt er. Im Obergeschoss führt eine Holzleiter auf den Dachboden. Wie damals, vor mehr als 60 Jahren. Leibel steigt ein paar Sprossen hoch. Auch an die Leiter kann er sich erinnern, aber er verbindet damit kein Gefühl, nicht die Todesangst, die seine Mutter verspürt haben muss.

Jochen Leibel Kloster Treppe

Das Kloster war ein guter Ort für Jochen. Hier war seine Mutter bei ihm. In anderen Verstecken waren sie getrennt, weil es leichter war, ein Versteck für eine Person zu finden als für eine Mutter mit einem Kleinkind. Immer wieder hat ihm seine Retterin Johanna erzählt, wie jämmerlich er weinte in jenen Tagen, in denen seine Traurigkeit lebensgefährlich war und eine Bedrohung für die Mutigen, die ihn versteckten. Als Kind konnte er die Gefahr nicht spüren, nur den Trennungsschmerz. An der Holzstiege füllt er sein überliefertes Wissen mit Bildern auf. Er hält sie fest, als wolle er nach der Vergangenheit greifen und sucht den Blick seines Sohnes. „Ich bin froh, dass du dabei bist, Nicolas“, sagt er. „Die Orte sind der Beweis, dass dein Vater nicht nur Geschichten erzählt hat, sondern das wirklich erlebt hat.“

Nicht Katholik, nicht Jude

Jochen Leibel ist der Sohn eines „arischen“ Deutschen, der später nicht aus dem Krieg heim kommen sollte, und einer jüdischen Mutter. Hier im Kloster wurde er getauft. Den roten Taufstein gibt es noch. Leibel betritt die Kapelle und läuft um den Taufstein herum, stellt sich davor, horcht in sich hinein. „An das kalte Wasser kann ich mich erinnern“, sagt er. Bis heute weiß er nicht genau, warum er getauft wurde. Vieles muss er sich zusammen reimen: „Durch die Taufe wurde ich auf den ersten Blick ein Arierkind. Vielleicht gab es auch einen missionarischen Aspekt.“ Wenn er seine Geschichte erzählt, macht er das wie ein Journalist, der vorträgt, was er recherchiert hat. Die Orte scheinen ihn nicht sonderlich zu bewegen. Sie helfen ihm dabei, sich zu erinnern und seine Kindheit besser kennen zu lernen. Eine Zeit, in der er leise sein musste und unsichtbar, um nicht ermordet zu werden.

Nach dem Krieg konvertierte Jochens Mutter zum Katholizismus. An den Gott der Juden konnte sie nicht mehr glauben. Leibel blickt auf den Taufstein: „Für mich ist das ein Symbol, dass sich in der Not ideologische Gegensätze zu einer humanistischen Tat vereinigen können.“ Er versucht zu deuten, was ihm passiert ist. Den Stationen seiner Rettung eine Bedeutung zu geben. Mit seinem analytischen Ton arbeitet er die Geschichten seiner Kindheit in die Geschichte ein. Die Kommunistin, die ihn zum katholischen Pater brachte, der ihn taufte und versteckte: Sie sind das Fundament seiner Identität. „Ich würde heute nicht sagen, dass ich Katholik bin, ich bin aber auch kein Jude“, sagt Leibel. Seine Religion ist der Humanismus geworden.

Der farbenblinde Stoffhändler

Das Mosaik seiner Familiengeschichte wird unvollständig bleiben. Das „Judenhaus“, von dem aus er in den Tod fahren sollte, steht nicht mehr. Seine Familie hat wenig Spuren hinterlassen. Auf dem alten jüdischen Friedhof findet Leibel die Gräber seiner Verwandten. Er steht am Grab seines Ur-Opas und erzählt, dass der einen koscheren Laden hatte. Jochen Leibel geht einige Schritte weiter und erzählt die Geschichte, warum der Opa nicht neben Oma Marie im Grab liegt. Er zieht ein Papier aus einer Hülle und liest vor. Die jüdische Gemeinde bestätigt, dass sein Opa im Oktober 1938 deportiert wurde. „Großvater hatte einen kleinen Textilwarenladen. Aber er war farbenblind. Wenn eine Kundin grünen Stoff wollte, legte er ihr einen roten hin.“

Aus kleinen Anekdoten hat er sich ein Bild von denen gemacht, die er nie kennen lernen durfte. Bis heute weiß er nicht, in welchem Konzentrationslager sein Opa starb. Hier auf dem Friedhof kann er sich seiner jüdischen Herkunft nähern. Mehr als er jetzt weiß, wird er nicht erfahren. Seine Mutter, die in Hamburg im Heim lebt, ist alt und kann keine Kapitel mehr zufügen.

Besuch bei Johanna

Auch seine Retterin Johanna, die ihm viel über die Flucht erzählt hat, verlässt die Kraft. Sie ist die letzte aus dem Widerstandskreis. Die anderen Retter sind längst tot. Leibel besucht die alte Dame im Pflegeheim, sitzt ihr gegenüber an einer langen Tafel. Ein altes Grammophon spielt, es gibt Kaffee und Kuchen. Die kleine Frau sitzt im Rollstuhl, lacht und redet unentwegt. Was sie sagt, ist nicht zu verstehen, aber sie weiß, es geht um sie. „Ich weiß nicht, ob sie mich erkannt hat, aber ich bin sicher, sie weiß, dass wir ein Besuch sind, der nicht jeden Tag kommt“, sagt Leibel. Er hat Dokumente nach Yad Vachem geschickt, damit Johanna als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt wird. Der Beweis ist schwierig. Die wichtigsten Zeugen können nichts mehr bezeugen. Die Prüfung kann dauern, aber er hat es wenigstens versucht. Einige Zeit nach seinem Besuch stirbt Johanna Landgraf im Alter von 103 Jahren.

Für den Verein, der das Andenken an Johanna Landgraf und ihre Widerstandsgruppe bewahrt, ist Jochen Leibel immer wieder ein Ehrengast. Er hat auch deshalb seinen Frieden mit der Stadt gemacht, weil er Menschen gefunden hat, die Anteil an seiner Geschichte nehmen, denen nicht egal ist, was er hier erlebt hat. Leipzig wird immer die Stadt bleiben, die ihn in den Tod schicken wollte. „Aber hier gab es auch Menschen wie Johanna, die uns gerettet haben“, sagt er.

Juden als Nachbarn unerwünscht

Leibel schaut mit gemischten Gefühlen auf die Stadt, die es ihm nicht leicht machte. Er hat sie als verlorene Heimat wieder entdeckt. Vor Jahren erfuhr er, dass ein Anwohner gegen ein neues jüdisches Gemeindezentrum klagte. Der Kläger fürchtete den Wertverlust seiner Immobilie, wenn nebenan Juden einziehen. Das strittige Ariowitsch-Haus war vor 1945 ein jüdisches Altenheim, es steht im Waldstraßenviertel, dessen prachtvolle Gründerzeitarchitektur von Juden aufgebaut und bewohnt wurde. Leibel sagt nichts dazu, dass ein guter Deutscher jüdisches Leben verhindern wollte, wo Nazis es einst auslöschten. Stattdessen erzählt er: „Vor Jahren habe ich mir das Haus angesehen, wissen Sie, mein Ur-Großvater ist dort gestorben.“ Er registriert sehr genau, was sich in Leipzig tut. Weil er hier her kommt. Weil ihm die Stadt nicht mehr gleichgültig ist.

Gedenksteinlegung mit Jochen Leibel

Stolperstein gegen das Vergessen

Es riecht nach Regen, als sich eine Gruppe von Menschen an einer klaffenden Baulücke versammelt, wo Autos im Matsch parken. Sie sind gekommen, um einen Stolperstein zu setzen – eine kleine quadratische Metallplatte mit einer Inschrift, die an ermordete Juden erinnert. Für Jochen Leibel ist dieser Tag Anfang und Ende zugleich. Bis zur Pogromnacht wohnte hier sein Großonkel Martin Kober. Der Bildhauer Günter Demnig stößt den Presslufthammer in den Asphalt und passt den Gedenkstein ein.

Stolperstein Martin Kober

Leibel ergreift das Wort, beginnt, die Geschichte seines Onkels zu erzählen. Wie dessen Schneider am Tag nach der Pogromnacht, in der sie Kobers Laden zerstörten, zu ihm kam und sagte: „Beim Juden will ich nicht arbeiten.“ Wie Kober in die Schweiz emigrierte. „Die hatten nichts Besseres zu tun als ihn nach Frankreich auszuliefern.“ Er erhebt die Stimme nicht, aber da ist jetzt Bitterkeit und stille Wut. Er erzählt, wie sein Großonkel im Lager Gurs interniert und von da nach Auschwitz deportiert wurde, der Zug in den Tod fuhr ausgerechnet über Leipzig. Kober warf einen Brief aus dem Waggon, adressiert an Jochens Mutter, Judenhaus, Große Fleischergasse: „Bitte, dass ein gütiger Mensch diesen Brief weiter leitet.“ Es fand sich tatsächlich ein gütiger Mensch, der den Brief in die Große Fleischergasse brachte. „Das war der einzige Nachweis, dass er überhaupt gelebt hat“, sagt Leibel.

Neun mal neun Zentimeter Heimat

Er kommt auf Barbie zu sprechen, auf dessen Hadern mit Gott, der nicht zugelassen habe, dass die Nazis ihr Werk vollenden konnten. „Nicht der Herrgott, sondern ein paar Leipziger haben verhindert, dass sie ihr Werk an mir vollenden“, sagt Jochen Leibel. Sein Weg, der im Gerichtssaal bei Barbie begann, kommt zu einem vorläufigen Ende. Das kleine Mahnmal vor ihm, das nicht mal die Größe einer CD-Hülle hat, nennt er selbst einen „Schlussstein“. „Dieser Ort wird für meine Familie zu einer Art Wallfahrtsstätte, wo die Stadt Leipzig endlich ein Stück Erde hergegeben hat für Martin Kober, der kein Grab hat. Wo meine Familie sehen kann, dass wir aus Leipzig kommen. Bisher gab es dafür keinen Beweis.“ Es ist alles gesagt. Jochen Leibel stellt sich zu seinem Sohn vor den Stolperstein. Dies ist ihr Leipzig, neun mal neun Zentimeter aus Messing. Eine Klarinette trauert und klagt, bis sie den unscheinbaren Ort wieder den Geräuschen der Stadt überlässt.

Reportagen über die Retterin Johanna Landgraf veröffentlicht u.a. in Reader´s Digest, Sächsische Zeitung und Stuttgarter Zeitung

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