Drill für die Seele

Sie verletzen sich bis zum Suizid, weil sie es nicht mehr aushalten. Borderliner leiden unter monströsen Gefühlsspannungen – in einer Berliner Klinik trainieren Patienten, sich und ihre überwältigenden Impulse zu beherrschen.

Von Michael Kraske

Das Chaos zieht durch den Kopf und lähmt jedes Gefühl. Ich schaffe es nicht, ich kann nicht mehr, ich kann gar nichts: Wie ein Zug, der alles Gute in ihr niederwalzt, rasen diese Sätze durch ihre Gedanken. In diesen Momenten weint Christine zu viel. Schreit zu viel. Alles ist dann zu viel. Was nach dieser inneren Folter bleibt, ist ein kaum auszuhaltendes Vakuum. Sie schneidet sich mit einer Klinge in den Arm, um ihm zu entkommen, immer wieder. Vor einer Woche hat sie das zuletzt getan. „Durch den Schmerz nehme ich mir diese Leere“, sagt die 37-Jährige. „Es ist, als würde ich das Negative aus mir herausschneiden.“ Dass etwas nicht stimmt mit ihr, weiß Christine, seit sie 18 ist. Damals lebte sie zusammen mit anderen Punks, die Ausbildung schaffte sie nicht, stattdessen dröhnte sie sich immer häufiger mit Alkohol aus der realen Welt. Doch auch der Rausch konnte ihre Gefühlsausbrüche nicht verhindern. „Ich war sehr schnell auf 180, ich war launisch, meine Sprache war aggressiv“, erinnert sie sich. Mit den Verschlüssen von Bierdosen begann sie sich zu ritzen. „Um den Kopf wieder auf Ruhe zu bringen“, wie sie sagt, „das ist wie Urlaub.“

Wenn Christine gefragt wird, wie sie sich fühlt, bleibt es still in ihr. „Das weiß ich gar nicht“, denkt sie dann. Denn Christine kennt sich nicht. Sie weiß nicht, wer sie ist. Nach dem Tod ihrer Mutter vor zwei Jahren versuchte Christine, sich umzubringen. Sie kam in eine Klinik, begann eine ambulante Therapie. Erst da erhielt sie die Diagnose: Borderline. Sie erfuhr von dieser Persönlichkeitsstörung, die komplexer ist als Depressionen oder Suchtkrankheiten und die lange als kaum therapierbar galt.

Flucht in Drogen oder Sex

„Borderliner sind Menschen, die unter unerträglichen Spannungen, Gefühlen und Handlungen leiden“, sagt der Leiter der Borderline-Station am Klinikum Nürnberg Günter Niklewski. Die Kranken vergöttern ihre Freunde und Partner, bevor sie dieselben Menschen aus kleinsten Anlässen verteufeln. In ihrer Welt gibt es nur Gut und Böse. Sie schädigen sich selbst durch Verletzungen, Sucht, Fressanfälle oder wahllosen Sex. Sie wissen nicht, wer sie sind, entwickeln keine Ziele im Leben. Ein chronisches Gefühl der Leere endet oftmals in Suizidversuchen. Insgesamt listet das medizinische Standardwerk DSM-IV neun Kriterien auf. Wer mindestens fünf dauerhaft erfüllt, leidet am so genannten Borderline- Syndrom. Dazu gehören intensive, aber instabile Beziehungen.

Borderliner stürzen sich impulsiv in selbstschädigende Grenzgänge. Immer wieder werden sie von Wut übermannt. Von außen betrachtet erscheint ihr Leben wild und leidenschaftlich, aber nach dem verzweifelten Versuch, sich selbst zu spüren, fallen sie in ein monströses Loch. Wissenschaftler schätzen, dass bis zu zwei Prozent der Bevölkerung Borderliner sind. Das wären in Deutschland weit über eine Million Menschen. Von den psychisch Kranken, die stationär behandelt werden, sind etwa 20 Prozent Borderline-Patienten. Doch während Grundkenntnisse über Alkoholismus oder Magersucht mittlerweile fast zur Allgemeinbildung gehören, ist Borderline noch immer weitgehend unbekannt. Häufig wird die Krankheit fälschlicherweise mit dem Drang zur Selbstverletzung gleichgesetzt. „Aber nicht alle Borderliner schneiden sich, und nicht alle, die sich schneiden, sind Borderliner“, erklärt die Psychologin Nicole Christine Schommer.

Ritzen, verätzen – das Arsenal der Selbstverletzung

Viele Borderliner leiden jahrelang, ohne zu wissen, woran. Auch die 19-jährige Jessica wusste lange nicht, was sie hatte. Sie kannte nur die Leere, die unmäßige Wut, die Selbstverletzungen. Als Kind schlug sie andere Kinder, später ritzte und verbrannte sie ihre eigene Haut und verätzte sie mit Chemikalien. Freundschaften sind ihr fremd. „Bis auf eine Freundin habe ich alle verloren. Sobald jemand einen Fehler macht, dann ist er weg. Dann sage ich: Ich will mit dir nichts mehr zu tun haben.“ Wenn Jessica über ihre Eltern spricht, wackelt die Stimme. Darüber, was ihr nach Jahren noch so viel Schmerz bereitet, schweigt sie.

Es beginnt mit Missbrauch

„Borderliner sind in einem Umfeld aufgewachsen, wo sie emotional oder sexuell missbraucht worden sind“, sagt Günter Niklewski. „In beinahe jedem Fall liegt eine emotionale Vernachlässigung vor.“ Zwei Faktoren müssen zusammenkommen, damit ein Mensch an Borderline erkrankt: eine traumatisierende Kindheitserfahrung einerseits und eine biologische Veranlagung zu einer verstärkten Impulsivität andererseits. Diese beiden Faktoren bewirken eine Fehlregulation der Gefühle, die viele Borderliner zu Selbstverletzungen treibt, die ganz Verzweifelten sogar in den Suizid. Experten gehen davon aus, dass sieben bis zehn Prozent der Borderliner Suizid begehen. Einige Patientinnen strangulieren sich mit ihren eigenen Zöpfen, andere schlucken Teile von Rasierklingen.

Seit sechs Wochen lebt Christine auf der Station 5 der Benjamin Franklin Fakultät der Berliner Charité. Hier arbeitet sie mit Jessica und anderen Borderlinern zwölf Wochen lang gegen ihre Krankheit an. Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) heißt dieses stationäre Behandlungskonzept, das von der Amerikanerin Marsha Linehan in den 90er Jahren entwickelt wurde. Es zielt konsequent auf eine Änderung des selbstschädigenden Verhaltens. „Eine Stunde DBT ist wie acht Stunden arbeiten“, sagt eine Patientin. Die Beschäftigung mit Ursachen der Erkrankung, die in der Kindheit liegen, wird bewusst auf die Zeit nach der Therapie verschoben. „Die Therapie setzt bei den harten Symptomen an“, erklärt der Leiter der Station 5, Oberarzt Claas-Hinrich Lammers. „Wir geben den Patienten ein Notfallpaket an die Hand, wie sie den Schneidedruck überstehen, ohne sich zu schneiden. Sie lernen, ihre Gefühle und Gedanken zu beobachten. Am Ende der Therapie soll der Patient verstehen, was mit ihm passiert, wenn er sich selbst verletzt oder Selbstmordgedanken entwickelt.“ Nur wer seine Emotionen erkennen kann, ist in der Lage, sie in ungefährliche Bahnen zu lenken.

Eiswasser oder Chili-Schote

Die Therapie gleicht einem harten Trainingslager für Gefühle und soziales Handeln. Die Patienten überlegen sich Ziele, analysieren die Gefühle, die sie übermannen, schreiben die Fertigkeiten auf, die sie erlernen. Auf einer Skala von 0 bis 100 tragen sie ihre innere Spannung in Listen ein. Wenn Christine merkt, dass sie innerlich auf einen Wert
hochfährt, den sie mit 60 oder 70 beziffert, setzt sie sich auf den Hometrainer und tritt die Spannung aus dem Körper. Oder sie geht in die Kälte und konzentriert sich nur auf das frische Gefühl auf der Haut. Andere halten ihre Hände in Eiswasser, beißen auf eine Chili-Schote oder prügeln mit einem Handtuch auf einen Stuhl ein. Skills heißen diese Tricks, die Sinne reizen und den Drang überlagern sollen, sich selbst zu verletzen.

Dienstagmorgen, Oberarztvisite mit Ärzten, zwei Psychologinnen und den Pflegern, die Co-Therapeuten heißen und mit den Patienten die Skills trainieren. Eine junge Frau mit kurzen Haaren kommt in den Raum und setzt sich in den Stuhlkreis. Eine Woche zuvor hatte sie sich mit einem Handtuch gewürgt. „Sie kämpfen sehr, probieren die Skills, aber die klappen noch nicht so gut“, trägt Lammers seine kurze Analyse vor. „Wir müssen uns absolut sicher sein, dass Sie so etwas nicht mehr tun. Können Sie mir versichern, dass Sie das nicht mehr tun?“ Die Patientin nickt. Lammers gibt kurze Anweisungen, was in der kommenden Woche trainiert werden soll. Er fordert eine Patientin auf, ihren letzten Suizidversuch zu analysieren. Er benennt Ziele, motiviert, informiert über Schwächen. „Wir fordern unsere Patienten sehr intensiv“, sagt der Psychiater. Jeden Tag müssen sie sich dem stellen, was sie am meisten bedroht: ihren Ängsten, ihrem Versagen, ihren überbordenen Gefühlen. Abends fallen sie völlig erschöpft ins Bett.

Kleine Schritte weg vom Suizid

Eine junge Frau läuft durch den dunklen Flur der Station 5. „Ich halte es nicht Aus“, wiederholt sie. Immer wieder. Und: „Ich bringe mich um.“ Dr. Lammers, eine Psychologin und ein Co-Therapeut begleiten die Patientin, die gerade erst auf die Station gekommen ist, in den Fernsehraum. Akute Krisenintervention. Die junge Frau glaubt, dass sie die Therapie nicht schafft. Sie sieht nur einen Ausweg: Schluss machen. Mehr als 40-mal ist sie in einer Klinik gewesen. Ihre Suizidversuche kann sie nicht mehr zählen. Sie hat eine für Borderliner typische Odyssee durch diverse Krankenhäuser hinter sich, wo man ihre Schnittwunden behandelte, aber die wahren Ursachen nicht erkannt hat. Auf der Station 5 in Berlin gibt es keinen Raum zum Fixieren. Beruhigungsmittel werden grundsätzlich nicht verabreicht.
Wer lernt, seine Gefühle wahrzunehmen, soll nicht mit Psychopharmaka zugedröhnt werden.

Ein Co-Therapeut bringt die verzweifelte junge Frau zum Hometrainer. Ein Ventil für die unerträgliche Spannung, ein kleiner Schritt weg vom Suizidversuch. So ist die ganze Therapie aufgebaut. Praktische Aufgaben, die dabei helfen sollen, die eingefahrenen Muster der Selbstverletzung zu verlassen. „Um den unsicheren Kern des Patienten bauen wir viele kleine Stützpfeiler, die ihn tragen sollen“, sagt Lammers. Zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr ist die Suizidgefahr für Borderliner am größten. Darum nimmt die Abteilung nur Patienten auf, die sich schriftlich verpflichten, während der Therapie keinen Suizidversuch zu unternehmen. Die Patienten unterschreiben zudem, dass sie auf Drogen verzichten und Selbstverletzungen minimieren wollen. Es klingt absurd, dass Selbstmordkandidaten der schriftliche Verzicht auf Suizidversuche abgerungen wird, aber es funktioniert. „Wir können nur mit Patienten arbeiten,
die leben wollen“, sagt Dr. Lammers.

Mit der coolen schwarzen Kleidung und den hochgeföhnten Haaren sieht Uwe aus wie einer, der das Leben genießt. Eigentlich ist der 20-Jährige mit seinem Leben zufrieden. „Wenn nur nicht die Abstürze wären. „Dann fangen die Hände an zu zittern, das Hirn schaltet auf Durchzug, die Zeit scheint stehen zu bleiben. „Wörter höre ich dann nur noch als Geräusch, sie verlieren jede Bedeutung. Dann dauert es noch 15 Sekunden und ich bin völlig weggetreten und nicht mehr ansprechbar.“ Auf diese Weise verabschiedet er sich aus Situationen, die ihn überfordern. Wenn er eigentlich „nein“ sagen müsste zu den Wünschen der Freundin, die nicht seine eigenen sind, aber es nicht tut, weil ihn die Angst packt, sie könnte ihn verlassen. Also trainiert Uwe in Rollenspielen, „nein“ zu sagen. Damit er nicht mehr wegtreten und sich auch nicht mehr schneiden muss, wie er es vor der Therapie tat.

Sinsible, schillernde Persönlichkeiten

Wie Uwe fällt es vielen Borderlinern schwer, Grenzen zu setzen, die eigenen Wünsche auszusprechen. Bis vor kurzem galt Borderline als Frauenkrankheit. Doch nach den Erfahrungen der Berliner Ärzte wird Borderline bei Männern lediglich seltener diagnostiziert. Das liegt auch daran, dass sich bei männlichen Borderlinern die Aggression häufiger gegen
andere richtet als gegen sich selbst. Der männliche Borderliner wird oft als Schläger oder Säufer wahrgenommen, landet eher im Gefängnis als auf der DBT-Station. Schon heute wissen die Experten, dass Borderliner oftmals zugleich Drogenkonsumenten, Bulimiker oder Angstgestörte sind. Und sie sind schillernde Persönlichkeiten. „Borderliner sind trainiert auf soziale Wahrnehmung“, sagt Lammers. „Sie sind extrem sensibel, sehr einfühlsam, das rührt aus ihrer Beziehungsinstabilität.“

Auch Uwe fasziniert viele seiner Bekannten. Er komponiert Musik und spielt in einer Rock-Band. Wenn ihn diese Welle grenzenloser Wut überkam, hielten Freundinnen das für die Kehrseite seiner Kreativität. Seine Lieben waren Achterbahnfahrten. Kurz und intensiv. Im vergangenen Jahr gingen fünf Beziehungen in die Brüche. Immer wieder startete er zu einem Traumflug. Immer wieder stürzte er ab. Die wechselnden Gefühle waren auf Dauer nicht lebbar.

Sonja, 41, aus München hat 14 Monate lang erfahren, wie es ist, mit einem Borderliner zusammenzuleben. „Am Anfang habe ich seine extreme Offenheit genossen, eine tiefe Emotionalität“, erzählt sie. Er legte ihr Rosenblätter aufs Bett, schrieb lange Briefe. „Er gab mir das Gefühl, dass ich ganz toll bin.“ Dann kamen die Ausraster. Die Anlässe wurden immer nichtiger. Er zerriss sich auf der Straße das T-Shirt, sperrte Sonja ins Bad, damit sie ihre Freunde nicht besuchen konnte. Am Ende ließ sie sich scheiden. „Der Angehörige wird ausgesaugt, bis nichts mehr drin ist“, sagt sie ernüchtert.

Aus rotem Nebel steigt Wut

Jelena denkt an die Zeit nach der Therapie. Neun Wochen ist die 20-Jährige jetzt auf der Borderline-Station 5 in Berlin- Charlottenburg. Manchmal spürt sie ihn noch, „den roten Nebel, der durchs Blut zieht, bis nur noch Wut ist“. Wenn sie den Nebel kommen fühlt, marschiert Jelena los, bis sie schwitzt. Dazu hört sie Heavy Metal. „Die Musiker schreien dann für mich“, sagt sie. Jelena hat ihren Notfallkoffer für die Zeit danach beisammen. Sie weiß, was sie zu tun hat, um die Wut zu bekämpfen. In neun Wochen hat sie sich nur zweimal geschnitten. Sie hat ihre soziale Kompetenz trainiert, damit sie in Auseinandersetzungen mehr tun kann, als bloß zu schreien. „Ich hatte einen riesigen Streit mit der Gruppe“, erzählt sie, „da hab ich meine Gefühle aufgeschrieben und vor den anderen darüber geredet. Das war mein größtes Ahaerlebnis.“ Sie hat Hoffnung geschöpft, aber die Therapeuten und Ärzte sagen ihr, dass sie nach den zwölf Wochen nicht geheilt ist, sondern lediglich über Techniken gegen die Abstürze verfügt. Daran muss sie weiterarbeiten, am besten mit einer ambulanten Therapie.

Studien haben gezeigt, dass eine kurze stationäre Therapie mit anschließender ambulanter Versorgung die schlimmsten
Leiden deutlich verringern kann. „Ich weiß nicht, wie es draußen ist“, sagt Jelena. Der Grund, auf dem sie steht, ist noch brüchig, doch die Therapie hat ihr Mut gemacht, nach vorn zu schauen. Sie kann sogar über Träume reden: „Mich nur selten zu verletzen, Kontakt zu meinen Eltern zu haben, viele Freunde.“ Sie lächelt, bevor sie sagt: „Einfach normal leben.“

erschienen in stern gesund leben

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