Dolmetscher in der JVA – Mittler zwischen den Kulturen

Insassen, Gefängnisleitung und Justizminister sind sich einig: Die Übersetzer in sächsischen Haftanstalten sind unverzichtbar. In der JVA Leipzig arbeiten zwei von ihnen. Aber ob es weiterhin Geld für ihre Arbeit gibt, ist fraglich.

„Ja, hallo? Ich will jetzt zum Sozialdienst, da hab ich in zehn Minuten einen Termin. Okay, kann ich machen. Alles klar.“

Yvonne Helal ist auf dem Weg in den Gefängnistrakt, zum nächsten Termin. Die 42-Jährige ist eine von zwei Dolmetschern der JVA Leipzig, spricht fließend Arabisch und Französisch und versteht somit Insassen aus 22 arabischen Staaten. Das Gefängnis im Süden der Stadt ist vor allem Vollzugsanstalt für Untersuchungshäftlinge aus der Region. Eine weitere Besonderheit: Angeschlossen ist auch ein Haftkrankenhaus. Seit einem Jahr arbeitet Yvonne Helal hier.

„Wenn der Gefangene in die JVA kommt und der deutschen Sprache nicht mächtig ist, dann kommen wir als Dolmetscher dazu und machen Aufnahmegespräche mit. Dort wird die Gefangenenakte angelegt. Und der Gefangene wird befragt, ob er Raucher ist, ob er Vegetarier ist. Und nach der Aufnahme wird auch noch die sogenannte Suizidprophylaxe gemacht, eben gefragt über psychische Vorerkrankungen, Suizidversuche, Selbstverletzungen.“

Wird der Gefangene als gefährdet eingestuft, muss er stärker überwacht werden. Für besonders akute Fälle gibt es speziell gesicherte Hafträume. Einerseits sei das Verfahren Routine, sagt Helal, andererseits könne eine Fehleinschätzung fatal enden. Die Aufgaben seien dabei klar verteilt.

„Ich schätze da gar nichts ein, sondern ich dolmetsche. Und dann ist das ein Gespräch zwischen einem Psychologen und dem Gefangenen. Kann auch sein, dass ich mal gefragt werde, was mein Gefühl ist. Aber als Dolmetscher bin ich immer neutral und bin dafür da, dass das Gespräch zwischen zwei Menschen stattfindet.“

Und genau da lag damals eines der Hauptprobleme im Fall Dschaber al-Bakr. Als der mutmaßliche Terrorist vor zwei Jahren in der JVA Leipzig eingeliefert wurde, schätzte man die Suizidgefahr falsch ein. Der Gefängnisleiter gab später zu Protokoll, dass kein ausführliches Aufnahmegespräch geführt werden konnte, weil al-Bakr kaum Deutsch sprach. Ein Dolmetscher war zu diesem Zeitpunkt nicht verfügbar. Zwei Tage später war der Terrorverdächtige tot – er hatte sich mit seinem T-Shirt erdrosselt.

Yvonne Helals Arbeitstag ist gut ausgefüllt. So dolmetscht sie etwa, wenn ein Insasse den Gefängnisarzt konsultieren muss oder er sich über seine alltäglichen Probleme beschweren möchte. Sie erläutert den Männern auch, welche Disziplinarmaßnahmen sie erwarten, wenn sie gegen Regeln verstoßen. Oder sie übersetzt, wie eben jetzt, das Gespräch einer Sozialarbeiterin mit einem neuen Gefangenen.

„Ich habe gesehen, Sie haben eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten zu verbüßen, die noch nicht rechtskräftig ist. Sind Sie das erste Mal im Gefängnis?“

Ihre Arbeit mache ihr Spaß, sagt Helal, auch wenn Fälle wie dieser des Gefangenen aus dem Nahen Osten meist deprimierend seien. Viele Geschichten ähnelten sich: Kindheit im Kriegsgebiet, kaum Schulbildung, dann die Flucht nach Europa. Arbeit finden hier die Wenigsten, wenn sie überhaupt arbeiten dürfen. Irgendwann wird die Langeweile mit Drogen betäubt – der erste Kontakt mit der Justiz nur eine Frage der Zeit.

Yvonne Helal übersetzt jedes kleine Wort des Gesprächs. Manchmal muss sie nachfragen, weil der Gefangene zu leise und abgehakt spricht. Sie bleibt hartnäckig, fragt immer wieder nach. Ohne die Dolmetscherin wäre dieses Gespräch wohl sehr schnell vorbei, viele Details blieben im Dunkeln. Ein wichtiger Job – weshalb Yvonne Helal wie auch ihre Kollegen nicht ganz verstehen, warum die neuen Arbeitsverträge nicht längst unterschrieben sind. Hinzu kommt, dass sie auch gern für ihr eigenes Leben planen möchte.

„Wenn es im Januar keine Verlängerung gibt, dann bin ich erst mal bei der Arbeitsagentur und dann werde ich selbständig weiterarbeiten, bei Gericht, bei der Polizei, bei Konferenzen. Meine letzte Information ist, dass im Dezember über die Stelle entschieden wird. Für die Planung sehr schlecht, und auch als Mensch fühlt man sich nicht wirklich wertgeschätzt. Also die Wertschätzung ist hier in der JVA von allen Mitarbeitern da. Alle möchten, dass die Dolmetscher da bleiben, aber es hängt, glaube ich, einfach am Ministerium.“

 

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