Die jüdische Gemeinde Leipzig im Aufschwung

Leipzig wächst – das gilt auch für die jüdische Gemeinde. Vor 25 Jahren, also nach der politischen Wende, war das religiöse Leben zum erliegen gekommen. Doch in den vergangenen Jahren hat die jüdische Gemeinde hier einen deutlichen Zuwachs erlebt. Diesen kann man am Besten während der jüdischen Woche in der Messestadt erleben.

Mit dem Synagogalchor startet Leipzig am Sonntagnachmittag in die jüdische Woche. Wo einst die Synagoge in Zentrum von Leipzig stand ist heute ein Denkmal der Begegnung. Hier wird der Auftakt gefeiert. Für Chorleiter Ludwig Böhme ein Ort gemischter Gefühle.

Es ist eigentlich immer die Reichsprogromnacht, die mitschwingt, wissend dass die Synagoge zerstört wurde. Ich finde es dennoch wichtig, dass wir da nicht nur zurückdenken, sondern dass wir eigentlich wieder eine Selbstverständlichkeit im miteinander kriegen. Deswegen war es mir in diesem Jahr auch wichtig die Musik in diesem Jahr als letztendlich musikalische Andacht, die kein Gedenkcharakter hat sondern die nach vorne blickt auszuwählen. Wir werden dort nicht nur geistliche Sachen singen sondern auch jiddische Lieder, teilweise sogar mit einer gewissen Ironie und Humor. Es ist Programm was sehr bunt ist.

Diese Vielfalt spiegelt sich auch im Programm wieder: 120 Veranstaltungen – doppelt so viele wie noch 2013. Damit ist die alle zwei Jahre stattfindende Woche zu einem wichtigen Teil der Leipziger Kultur geworden. Für Kulturamtsleiterin Susanne Kucharski-Huniat ist es auch ein Streifzug durch die Stadt.

Wir haben natürlich Zeitzeugengespräche, Dinge, die aus der Historie berichtet wurden. Aber wir haben eben auch, mitten im Alltag in Stadtteilen wie Leipzig Grünau, unserer DDR-Plattenbausiedlung, Veranstaltungen. Es gibt Radtouren, eingeladene Künstler aus Israel, das ist aus Anlass 50 Jahre Deutsch-Israelische Beziehungen, da begrüßen wir auch den Bürgermeister unserer Partnerstadt Herzliya.

Mit rund 40.000 Euro unterstützt die Stadt Leipzig die jüdische Woche. Zu den Organisatoren gehören neben der Ephraim Carlebach Stiftung vor allem die Israelitische Religionsgemeinde rund um das Leipziger Ariowitsch-Haus. Hier ist Marina Limperska für die Projektorganisation zuständig. Sie freut sich in diesem Jahr besonders über den großen Rahmen des Festes zum Stadtjubiläum.

Dieses Jahr ist es eine besondere Veranstaltung, weil das mit 1000 Jahre Leipzig verbunden ist, ist es für uns wirklich etwas besonders. Es ist die 11 jüdische Woche insgesamt. Eine größere Veranstaltung mit vielen wichtigen Institutionen. Für uns hat das auch viel Arbeit bedeutet, aber auch sehr schöne Ergebnisse gebracht.

Nicht nur die jüdische Woche ist gewachsen, auch die Gemeinde ist heute deutlich größer als 1990. So sind aus einst 25 Mitgliedern nach der Wende heute 1300 geworden. Kulturamtsleiterin Susanne Kucharski-Huniat bemerkt ein stetig wachsendes Interesse an jüdischer Kultur.

Das besondere an der Jüdischen Woche in Leipzig ist, dass die Woche hier lebt durch die vielen Partner. Kleine Vereine, Institute, die sich von selbst melden und wissen, alle zwei Jahre findet diese Jüdische Woche statt und die selbst ein Programm kreieren, Gäste einladen und durch eine eigene Finanzierung das Programm bilden. Es sind auch ehemalige Leipziger da, inzwischen begleitet von Enkeln. Und wir begrüßen auch wieder Channa Gildoni, die Vorsitzende des Verbandes der ehemaligen Leipziger in Israel.

Besonders stolz ist man im Ariowitsch-Haus auf die rege Beteiligung der eigenen israelitischen Gemeinde. War es bei der ersten jüdischen Woche vor 20 Jahren noch die Stadt, die den größten Teil organisierte, so sind es heute die Künstler der Gemeinde. Für Marina Limperska sind die der besondere Tipp für die Festwoche.

Als Highlight ist die Veranstaltung der Gemeindemitglieder, also Künstler der Gemeinde, die bei uns auftreten werden. Wo jeder zeigt, was er kann, was er in der Zeit in Deutschland erlebt hat. Ich muss sagen, die jüdische Gemeinde besteht hauptsächlich aus Mitgliedern mit Migrationshintergrund. Die meisten kommen aus der ehemaligen Sowjetunion, sind russigsprachig. Die Auftritte finden in verschiedenen Sprachen statt.

Gerade ältere Gemeindemitglieder sprechen wenig Deutsch – durchaus eine Hürde, so Limperska. Oft läuft die Verständigung noch auf Russisch. Trotzdem genießen alle die neue Heimat, auch Leipzig.

Wir haben alle Freiheiten der Welt. Die meisten Gemeindemitglieder haben die Möglichkeit bekommen das auszuleben was sie wahrscheinlich früher nicht konnten und sind auch sehr dankbar dass sie diese Möglichkeit haben.

Wer einen Einblick in das jüdische Leben heute in Leipzig haben will, ist auch in der Stadtbibliothek gut aufgehoben. Hier stellt die Leipziger Fotografin Silvia Hauptmann 45 farbige und schwarzweiße Bilder aus. Seit 1995 dokumentiert sie das jüdische Leben in Leipzig.

Von einer damals noch sehr kleinen Gemeinde, ja und dann ist das gewachsen das Projekt. Die Synagoge war voll, die war gemischt, es war ja eine liberale Ausrichtung. Was sich jetzt total verändert hat, was man auch auf den Fotos sieht. Es war einfach, einfacher als heute, Fotos zu machen, weil es nicht so streng an rituelle Vorgaben gebunden war. Und ich konnte zu den Gottesdiensten fotografieren, ich konnte selbst zu Rosch ha-Schana fotografieren, das ginge heute nicht mehr.

Die Veränderung in der Gemeinde bekommt auch Chorleiter Ludwig Böhme zu spüren. Der Leipziger Synagogalchor darf nicht am geistlichen Leben der Gemeine teilhaben.

Es gibt immer wieder Berührungspunkte zwischen der jüdischen Gemeinde und dem Chor. Dennoch agieren wir unabhängig voneinander. Die jüdische Gemeinde hat ein Gemeindeleben. Die Synagoge, der Gottesdienst wird wieder mehr und mehr orthodox gemacht, wo wir jetzt als nichtjüdischer Chor zum Beispiel gar nicht mit singen dürften.

Die jüdische Woche darf der Chor allerdings sehr wohl eröffnen. Ebenfalls am Sonntag starten auch die meisten Ausstellungen, es werden Filme gezeigt, dazu gibt es Theatervorstellungen und Vorträge. Eine Woche lang heißt es in Leipzig dann: Schalom.

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