Der Code der Neuen Rechten

Müssen sich Journalisten an rechtspopulistische Parolen und Provokationen gewöhnen? Nein, im Gegenteil. Wer die Radikalisierung von rechts verstehen will, darf nicht nur über Populismus reden, sondern muss die Ideologie der Neuen Rechten entschlüsseln und deren demokratiegefährdende Konsequenzen aufzeigen.

Schon vor zehn Jahren versorgte das „Amt für Öffentlichkeitsarbeit“ der NPD deren Politiker mit einem internen Strategie-Papier. Als „Argumentationshilfe beim Ausländerthema“ finden sich darin Aussagen wie diese: „Der Mensch an sich existiert nicht … Es gibt den Deutschen, den Franzosen und den Türken, aber nicht den Menschen … Der Mensch lebt in Völkern, die einen konkreten Lebensverband gleichartiger Menschen darstellen (durch gemeinsame Sprache, Kultur, Geschichte, Tradition, Mentalität und Abstammung) … Masseneinwanderung ist eine schleichende Form des Völkermordes.“

Zwar gibt es auch eindeutig rassistische Passagen in der NPD-Schrift („Deutsche afrikanischer Herkunft kann es gar nicht geben“), aber im Kern liest sich das Papier, als habe die NPD ganze Passagen bei Alain de Benoist oder Pierre Krebs abgeschrieben, den Vordenkern der Neuen Rechten – zu denen heute vor allem Björn Höcke zählt, AfD-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag.

Benoist und Krebs hatten seit den 1970er Jahren zunächst in Frankreich (Nouvelle Droite) und später auch in Deutschland ein völkisches Gesellschaftsmodell entwickelt: den Ethnopluralismus. Anstatt die Überlegenheit des eigenen Volkes oder der eigenen Rasse zu behaupten, wie das etwa die Nazis taten, konstruiert der Ethnopluralismus ein Recht auf kollektive Verschiedenheit und die Notwendigkeit, möglichst homogene Völker und Kulturen zu erhalten und vor Vermischung zu schützen. Andernfalls betreibe man „Völkermord“.

Verzicht auf den „Rasse“-Begriff

Die intellektuelle Modernisierungsleistung dieses Thinktanks bestand darin, künftig auf den Begriff der „Rasse“ zu verzichten, im Kern aber am Gesellschaftsmodell der alten Rechten festhalten zu können: einem „Kulturkonzept Deutschland den Deutschen“, wie der neurechte Publizist Henning Eichberg es nannte. In letzter Konsequenz lassen sich mit dem Ethnopluralismus neben Diskriminierung sowohl Apartheid als auch „ethnische Säuberungen“ bis zum Völkermord rechtfertigen, denn universale Menschenrechte, die ein entfesseltes ethnisches Kollektiv bändigen könnten, lehnt die Neue Rechte ausdrücklich ab.

Der Politikwissenschaftler Richard Stöss hat darauf hingewiesen, dass dieser nur scheinbar friedfertigen Ideologie gleichwohl eine Scharnierfunktion ins konservative Lager zufällt, „weil sie nationale Identität ohne Bezugnahme auf den klassischen Rassismus rechtfertigt, weil sie ihre Fremdenfeindlichkeit als Deutschenfreundlichkeit ausgibt und weil sie dafür auch noch ein humanitäres Anliegen in Anspruch nimmt.“ Nämlich das kollektive Recht auf Verschiedenheit und Selbstbestimmung, das freilich den Einzelnen entmündigt. Denn ein kollektives Recht auf ethnische und kulturelle Reinheit ist mit individueller Selbstbestimmung, wie sie das Grundgesetz garantiert, unvereinbar.

Ethnopluralismus ist längst allgegenwärtig

Lange blieb der Ethnopluralismus der Neuen Rechten hierzulande eine intellektuelle Randnotiz, die nur in elitären rechten Zirkeln wie dem „Thule-Seminar“ oder der Zeitschrift „Nation & Europa“ kursierte – unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsgrenze. Damit ist es vorbei. Von Pegida über AfD bis hin zu verschiedenen Onlineplattformen, sozialen Netzwerken und auch seriösen Presseartikeln finden sich entsprechende Botschaften. „Umvolkung“, „Überfremdung“ und „Bevölkerungsaustausch“ – die populären Anti-Asyl-Parolen der Straße fußen inhaltlich auf dem Gesellschaftsmodell der Neuen Rechten. Ethnopluralismus ist derzeit allgegenwärtig. Journalisten bleibt also gar nichts anderes übrig, als sich mit dieser Ideologie auseinanderzusetzen.

Beispiel Björn Höcke: Auf seiner Facebook-Seite schreibt der AfD-Politiker über die UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes und stellt die Suggestivfrage: „Gehört die Multikulturalisierung eines gewachsenen Volkes auch dazu?“ In Sprache und Duktus ähnelt das dem neurechten Diskurs um „Völkermord“ durch Vermischung.

Offenkundig schöpfen NPD und Björn Höcke bisweilen aus ähnlichen, neurechten Quellen. Doch während Journalisten die NPD als rechtsextrem etikettieren, gilt die AfD lediglich als rechtspopulistisch, obwohl nicht nur Björn Höcke sich regelmäßig eines nationalsozialistisch konnotierten Vokabulars bedient („Altparteien“, „entartet“) und in seiner Rede über den „afrikanischen Ausbreitungstyp“ gar mit Rassebegriffen provozierte. Und obwohl sich Partei-Chefin Frauke Petry inhaltlich zu Höcke bekennt und den Begriff „völkisch“ wieder positiv besetzen möchte, der hierzulande nach der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ für immer als erledigt galt. Die Vorstellung einer durch gleiches Blut gebildeten Schicksalsgemeinschaft hat keine demokratischen Wurzeln, sondern eine lange antidemokratische Tradition: Blut und Boden. Völkischer Beobachter. Volksgerichtshof.

Grassierende Begriffsverwirrung

Was heißt es also, wenn historisch diskreditierte Ideologien reanimiert werden? Wer oder was ist die Neue Rechte in Deutschland und wie können Redaktionen deren Ideologie und Wirkung möglichst präzise darstellen? Was tun gegen die grassierende Begriffsverwirrung?

Politikwissenschaftlerin Anne Dölemeyer von der Universität Leipzig definiert die Neue Rechte als eine soziale Bewegung, „die einen völkischen Nationenbegriff verteidigt, der immer von einer Art Reinheit von Kulturen und Völkern ausgeht, sowie von deren innerer Homogenität; und aktuell vor allem in Gestalt einer militanten Anti-Islam-Haltung“. Als wichtigster deutscher Vertreter gilt der Verleger Götz Kubitschek, wichtige Organe sind laut Dölemeyer dessen „Sezession im Netz“, aber auch die Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Die Politikwissenschaftlerin zählt zudem führende AfD-Politiker wie Björn Höcke, André Poggenburg und Hans-Thomas Tillschneider, den Vorsitzenden der Patriotischen Plattform innerhalb der AfD, zur Neuen Rechten. Höcke hielt seine heftig kritisierte Rede über den „afrikanischen Ausbreitungstyp“ bezeichnenderweise im Rahmen einer Veranstaltung des von Kubitschek mitgegründeten Instituts für Staatspolitik und bezeichnet diesen als Freund.

Mittlerweile haben etliche Redaktionen – darunter Deutschlandfunk, „Welt“, „Correctiv“ und das ZDF – hintergründig und analytisch über das neurechte Netzwerk berichtet. Dennoch bleibt die Neue Rechte journalistisch schwer greifbar. Das Thema ist komplex, es braucht viel Erklärung, Akteure finden sich parteiübergreifend. Um die Wurzeln offenzulegen, muss man zeigen, dass die historischen Vorbilder der Konservativen Revolution (Weimarer Republik) wie Carl Schmitt, Arthur Moeller van den Bruck und Oswald Spengler („Der Untergang des Abendlandes“) dem antidemokratischen Spektrum angehörten.

Carl Schmitt gilt als Wegbereiter der Nationalsozialisten. Der Staatsrechtler sah den Staat ermächtigt, auch im Innern souverän über Freund und Feind zu entscheiden. Seine Vorstellung vom „Pluriversum“ der Völker lieferte die Vorlage für den Ethnopluralismus.

Redaktionen tun sich schwer

Journalisten benötigen also sowohl detailliertes Wissen über historische Wurzeln als auch über die neurechte Ideologie, um Bezüge und identische Argumentationsmuster zu erkennen. Im AfD-Wahlprogramm von Sachsen-Anhalt ist beispielsweise vom Erhalt der „Eigenart der Völker“ die Rede. Klingt nach einer konservativen Floskel, ist aber ein Code für das völkische Modell des Ethnopluralismus.

Was sagt das über die AfD? Wie über die AfD im Tagesgeschäft berichten? Matthias Meisner schreibt als Politik-Redakteur beim „Tagesspiegel“ immer wieder über Pegida und AfD. Er räumt ein: „Redaktionen tun sich schwer damit, für rechte Parteien und Bewegungen ein passendes Label zu finden. Anfangs wurde gezögert, die AfD als rechtspopulistisch zu bezeichnen. Für Teile der Partei scheint das heute sogar zu schwach.“

Trotz vielfach berechtigter Kritik bleibe die Einschätzung durch den Verfassungsschutz (BfV) eine wichtige Orientierung. Die Verfassungsschutzämter des Bundes und der Länder beobachten bisher weder die AfD noch Teile von ihr.

Wohl aber wird die sogenannte „Identitäre Bewegung“ von mehreren Verfassungsschutzämtern beobachtet. Die Identitären bezeichnen sich selbst als Neue Rechte und machen mit medienwirksamen Aktionen auf sich aufmerksam. Wie kürzlich, als Aktivisten aufs Brandenburger Tor kletterten und ein Plakat entrollten: „Grenzen schützen! Leben retten!“ Man sehe Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, so die Begründung von BfV-Chef Hans-Georg Maaßen dafür, die Identitäre Bewegung zu beobachten.

Die AfD als „identitäre Bewegung“

Der Vorstand der Patriotischen Plattform in der AfD erklärt auf seiner Internetseite: „Wir wünschen uns eine engere Zusammenarbeit zwischen Identitärer Bewegung und AfD, denn auch die AfD ist eine identitäre Bewegung und auch die Identitäre Bewegung ist eine Alternative für Deutschland.“ Man erkennt darin unschwer ein Bekenntnis zu Wesensgleichheit und identischen Zielvorstellungen. Warum also werden die Identitären vom Verfassungsschutz beobachtet, der radikale AfD-Flügel aber nicht? Wird hier mit zweierlei Maß gemessen?

Das Bundesamt für Verfassungsschutz erklärt lapidar, bei der AfD lägen „keine hinreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für eine verfassungsfeindliche Bestrebung vor“. Es lägen zudem „keine Erkenntnisse vor, dass Extremisten einen steuernden Einfluss auf die Partei haben.“

„Tagesspiegel“-Redakteur Meisner findet es zwar grundsätzlich richtig, die AfD als heterogene Partei von Radikalen aber auch Enttäuschten nicht als rechtsextremistisch einzustufen. Gleichwohl hält er es für denkbar, „dass der Verfassungsschutz aus strategischen Überlegungen vor einer symbolträchtigen Beobachtung zurückschreckt“. Es sei eine Gratwanderung, einerseits die Radikalisierung der AfD registrieren zu müssen ohne andererseits deren Wähler zu stigmatisieren. Das gilt auch für Journalisten.

Gewöhnung und Normalisierung

„Herzlich willkommen“, rief Dirk Kurbjuweit der AfD in einem „Spiegel“-Leitartikel zu. Ein Plädoyer für Gewöhnung und Normalisierung. Unstrittig ist, dass Journalisten professionell mit AfD-Politikern umgehen, sie korrekt zitieren müssen. Aber an die rassistischen und völkischen Parolen von Petry, Gauland oder von Storch dürfen sich Journalisten eben nicht gewöhnen, sondern müssen sie dokumentieren und kritisieren, egal wie viele Wählerstimmen die AfD damit einsammelt.

Und sie müssen herausarbeiten, warum das vielstimmig propagierte völkische Gesellschaftsideal nicht mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung vereinbar ist, wie Einschätzungen von Verfassungsschutzämtern zu AfD und Pegida suggerieren. Trotz neonazistischer Demonstranten, Nazi-Vokabular („Volksverräter“) und Umsturz-Rhetorik lehnt es etwa der sächsische Verfassungsschutz bis heute beharrlich ab, die Pegida-Bewegung zu beobachten. Eine völkisch demokratische Grundordnung sieht die Verfassung aber nicht vor. Journalisten tun gut daran, den Verfassungsschutz als eine – mitunter interessengeleitete – Quelle unter vielen zu betrachten und nicht als objektive letzte Instanz.

„Volksverräter“ als Nazi-Vokabular

Erst im Angesicht der aggressiven rechtsextremen Hetze anlässlich der Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober in Dresden haben renommierte Meinungsmacher wie „Welt“-Autor Thomas Schmid einen überfälligen Schluss gezogen. „Die volksidentitäre Haltung ist nicht anschlussfähig an Rechtsstaat, Gewaltenteilung, Demokratie und Achtung vor der Würde des Menschen“, schrieb Schmid. „Spiegel Online“-Ressortleiter Roland Nelles sprach den völkischen Demonstranten in einem Kommentar ab, Demokraten zu sein und forderte, den bei AfD-Demos beliebten Ruf „Volksverräter“ im öffentlichen Diskurs als Nazi-Vokabular zu bezeichnen. Es zu verharmlosen oder zu relativieren, schade der Demokratie.

Offenkundig haben die hässlichen Bilder aus Dresden zu einem Umdenken unter Journalisten geführt. Der publizistische Kardinalfehler seit den Anfängen von Pegida bestand nicht etwa in einer vorschnellen Stigmatisierung der völkischen Bewegung, sondern in der kategorischen Unsicherheit, die Dinge präzise beim Namen zu nennen.

Keine klare Grenze zum Extremismus

Bisweilen wirkt das medial übliche Label „rechtspopulistisch“ nämlich geradezu wie eine demokratische Unbedenklichkeits-Bescheinigung. Politikwissenschaftlerin Dölemeyer hält es ohnehin für wenig hilfreich, im rechten Lager mit strikten Abgrenzungen zu hantieren. „Das impliziert, dass die Neue Rechte nicht so schlimm wie zum Beispiel Neonazi-Organisationen sei. Das sehe ich anders“, sagt Dölemeyer. Neue Rechte lieferten den ideologischen Hintergrund für Angriffe auf Migranten und Linke. Das Extremismus-Modell gaukele eine klare Grenze zwischen extremistisch und nicht extremistisch vor.

Zwar hält auch Dölemeyer den Terminus „rechtspopulistisch“ für geeignet, um auf die Heterogenität innerhalb der AfD hinzuweisen. „Aber wenn eine Ideologie im Sinne eines geschlossenen völkisch-nationalistischen, autoritären, anti-parlamentarischen, rassistisch geprägten Weltbildes gemeint ist, dann ist mindestens die Patriotische Plattform als extrem rechts einzustufen.“

Zirkelschluss statt Analyse

Rechtsextrem oder nicht – diese pauschalen Etiketten reichen nicht mehr. Journalisten werden vor allem Ideologien künftig präziser analysieren und einordnen müssen. Bislang wird Rechtsextremismus gern in einer Art Zirkelschluss festgestellt. Extrem ist demnach eine Partei, wenn ihre Politiker aus der rechtsextremistischen Szene stammen. Und eine Szene gilt als rechtsextrem, wenn sich Personen in ihr tummeln, die etwa durch die Mitgliedschaft in einer Neonazi -Organisation bereits als rechtsextrem aufgefallen sind.

Das führt zu dem Trugschluss, bislang unauffällige Bürger oder Politiker könnten per se keine Rechtsextremisten sein. Doch Rechtsextremismus zeigt sich sowohl im Verhalten als auch durch Einstellungen. Mit der rechtsextremen Vorstellung einer auf Abstammung basierenden „Volksgemeinschaft“ sympathisieren längst nicht nur Neonazis. Unterschiede im rechten Lager existierten mehr in der Form als im Inhalt, so Politikwissen-schaftlerin Dölemeyer. Heißt: Politikredaktionen müssen den Trend darstellen, ohne zu vernachlässigen, worauf der Soziologe Harald Welzer auf „Spiegel Online“ hinweist: „Hierzulande ziehen es vier Fünftel aller Menschen vor, nicht in einer Putin-, Orbán- oder Erdogan-Welt zu leben.“ Bei aller Aufmerksamkeit für den gegenwärtigen Rechtsruck gilt es, die publizistische Balance zu halten.

Neurechte Botschaften in FAZ und Cicero

Derweil haben es neurechte Botschaften gleichwohl geschafft, erhebliche Reichweite zu erzielen. Nicht zuletzt durch die sozialen Netzwerke, etwa über die Facebook-Seite von Pegida. Die Publizistin Liane Bednarz hat in ihrem Buch „Gefährliche Bürger“ früh beschrieben, wie die neurechte Ideologie von Pegida bis zu rechtskatholischen Milieus geteilt, geliked und diskutiert wird. Sie weist darauf hin, dass mittlerweile selbst Teile der bürgerlichen Presse neurechte Botschaften verbreiten würden: „Wenn zum Beispiel „Cicero“-Kulturchef Alexander Kissler affirmativ ein Zitat von der Umstrukturierung der deutschen Bevölkerung wiedergibt.“ Oder wenn Berthold Kohler in der FAZ kritisiere, Kanzlerin Merkel nehme die „Sorge vor Überfremdung“ vieler Bürger nicht ernst, ohne dass der Autor das Wort „Überfremdung“ in Anführungszeichen setze. „So macht man neurechtes und zugleich altbekanntes Vokabular aus den 1930er Jahren wieder salonfähig“, kritisiert Bednarz.

Aus Worten sind längst Taten geworden. Nachdem eine aufgebrachte Menge im sächsischen Clausnitz einen Bus mit Flüchtlingen belagert hatte, wies Liane Bednarz im Essay „Clausnitz ist kein Zufall“ darauf hin, dass Götz Kubitschek einige Zeit zuvor in einer Artikelserie seines Portals „Sezession im Netz“ nachdrücklich „Widerstand“ und „zivilen Ungehorsam“ thematisiert hatte. Da hatte Kubitschek über den Widerstand gegen eine Erstaufnahmeeinrichtung in Chemnitz-Einsiedel berichtet und gefragt: „Wenn es Einsiedel 20x gäbe und an jedem Abend in Sachsen (…) Leute (…) verhinderten, dass die Busse durchkommen – was dann? Endlich ein Effekt?“ Überschrift des Artikels: „Ernst machen“.

Kubitschek, der auch schon als Redner bei Pegida auftrat, ist sowohl neurechter Theoretiker als auch politischer Aktivist. In der Flüchtlingsdebatte sind Kubitschek und „Compact“-Chef Jürgen Elsässer zu Stichwortgebern und Argumentationshelfern des Anti-Asyl-Protests aufgestiegen. „Neurechte Akteure betreiben erfolgreiches Agenda-Setting und tragen dazu bei, das gesellschaftliche Klima zu radikalisieren“, sagt Publizistin Bednarz. Wichtig sei, deren Primärquellen zu kennen.

Radikalisierung benennen

Bednarz empfiehlt Journalisten zudem eine kritische Analyse der neu-rechten Sprache. Wenn Björn Höcke die von ihm „Altparteien“ Gescholtenen als „inhaltlich entartet“ bezeichne, müsse diese Radikalisierung benannt und kritisiert werden. Gleichwohl dürfe nicht jede Aussage wie die von Alexander Gauland über Jérôme Boateng eine Medienlawine lostreten, sagt „Tagesspiegel“ -Redakteur Meisner, vielmehr sollten Journalisten Strukturen und Neuentwicklungen wie das Aufkommen der Identitären Bewegung analysieren.

Patrick Gensing, der als Journalist und Buchautor seit Jahren über die rechte Szene schreibt, warnt aber davor, auf mediale Inszenierungen Kubitscheks oder die effektheischenden Aktionen der Identitären hereinzufallen. Benötigt würden vielmehr Fachwissen und kontinuierliche Recherche, um zu erklären, was die Neue Rechte ausmacht und auf Grundlage der Erkenntnisse zu diskutieren, wie groß ihr Einfluss tatsächlich sei.

Stärker in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit gehören für Gensing „die Kampagnen einer rechten Kampfgemeinschaft, die sich derzeit beispielsweise gegen die Amadeu-Antonio-Stiftung oder Justizminister Heiko Maas richten.“ Kampagnen, die von erzkonservativen Publizisten bis hin ins offene Neonazi-Milieu aggressiv vorgetragen würden. Diese Diffamierungen und Drohungen seien für die Betroffenen sehr belastend. „Hier wünsche ich mir mehr Empathie und Haltung, auch vom Deutschen Journalisten-Verband“, so Gensing.

Die CSU ist nicht die NPD, aber …

Der Neuen Rechten spiele es in die Hände, dass durch die Hetze gegen Flüchtlinge die Grenzen zwischen Rechtskonservativen und organisierten Rechtsextremen verwischt worden seien, sagt Gensing: „Die Forderungen von Seehofer lassen sich von denen der NPD eigentlich kaum noch unterscheiden.“ Das bedeutet nicht, dass es keine kategorischen Unterschiede mehr gibt. Natürlich ist die CSU nicht die NPD. Aber christsozialer Rassismus ist nicht per se weniger rassistisch als der eines Neonazis. Autor Sascha Lobo hat im Fall von CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer vorgemacht, wie man Klartext schreibt. Dessen Aussage, ein „fußballspielender, ministrierender Senegalese“ sei „das Schlimmste“, weil der nie wieder abgeschoben werde, bewertete Sascha Lobo in seiner „Spiegel Online“-Kolumne bemerkenswert unzweideutig: „Das ist Rassismus, nicht Rechtspopulismus, keine erzkonservative Haltung und erst recht keine Überspitzung, wie Scheuer seitwärts rudernd versucht zu verklären.“

Lobo traut sich, Scheuers Aussage aufgrund eigener Analyse als rassistisch zu werten. Damit ist er eher mutige Ausnahme als die Regel. Oft reicht den Redaktionen schon die laue Distanzierung eines Politikers nach dem Motto: war nicht so gemeint. Doch ob eine Redepassage völkisch oder rassistisch ist – in der Frage dürfen Redaktionen Politikern nicht das letzte Wort überlassen. Vielmehr müssen sie aufgrund präziser Analysen parteiübergreifend rechtsextreme Ideologiebausteine aufspüren und eine rote Linie definieren: Etwa wenn die Leipziger CDU -Bundestagsabgeordnete Bettina Kudla unter Verwendung eines Nazi-Begriffs eine rechtsextreme Verschwörungstheorie twittert: „BK #Merkel streitet es ab. #Tauber träumt. Die #Umvolkung #Deutsch-lands hat längst begonnen. Handlungsbedarf besteht!“ Vom absurden Vorwurf, als „politisch korrekte Gesinnungspolizei“ aufzutreten, dürfen sich kritische Journalisten nicht einschüchtern lassen.

Lupenreine Demokraten

„Cicero“-Chefredakteur Christoph Schwennicke hat im ARD-„Presseclub“ argumentiert, die AfD sei schon deshalb eine demokratische Partei, weil sie ja nicht die Abschaffung freier Wahlen fordere. Das tut aber nicht mal die NPD offen. Die hat ihren Anti-Parlamentarismus Jahre lang hinter der Forderung versteckt, den Bundespräsidenten direkt vom Volk wählen zu lassen. Antidemokratische Ziele verbirgt man heutzutage gern hinter dem Ruf nach mehr direkter Demokratie. Moderne Demokratieverächter fallen nicht dadurch auf, dass sie einer Diktatur das Wort reden, sondern gewählte Demokraten delegitimieren – etwa indem sie Angela Merkel als „Kanzler-Diktatorin“ diffamieren.

Rechtsextremismus-Forscher Dierk Borstel warnt davor, die völkische Mobilisierung als „Zwergenaufstand am rechten Rand“ misszuverstehen. Sie sei vielmehr Ausdruck einer ernstzunehmenden Demokratiekrise. Politischer Journalismus sollte sich in dieser Krise auf sein Kerngeschäft besinnen und Politiker an ihren Taten, aber auch Worten messen.
Dazu abschließend eine Quizfrage: Von wem stammt folgendes Zitat: „Ich sage diesen linken Gesinnungsterroristen, diesem Parteienfilz ganz klar: Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht – denn wir sind das Volk, liebe Freunde.“ Hat das der junge Adolf Hitler gesagt? Oder NPD-Scharfsprecher Udo Pastörs? Alles falsch. Das Zitat stammt von Markus Frohnmaier. Aus einer Rede vor AfD-Anhängern in Erfurt.

Der drohende Sound eines rechtsradikalen Möchtegern-Revolutionärs hat Frohnmaier übrigens nicht geschadet. Er ist mittlerweile zum Pressesprecher von Frauke Petry aufgestiegen.

Der Report ist in seiner ursprünglichen Version im November 2016 in der Zeitschrift journalist erschienen.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.