Das laute Schweigen

Er kam aus dem Westen und fand in Leipzig eine neue Heimat. Die jedoch empfindet der Autor zunehmend als schwierig. Weil über Rassismus und rechte Gewalt hinweggesehen wird. Und weil die Überhöhung von Herkunft viele Menschen ausgrenzt. Heimat ist ein subjektives Gefühl. Als politischer Kampfbegriff wird Heimat zum Brandbeschleuniger.

Heimat ist ein großes Wort. Größer als „zu Hause sein“ und „sich heimisch fühlen“. Ich habe Leipzig zu meiner Heimat erklärt. Ursprünglich komme ich aus Iserlohn – meine beschauliche erste Heimat liegt zwischen Sauerland und Kohlenpott, wo es nach Wald und Regen riecht. Mittlerweile lebe ich länger im Osten, als ich im Westen gelebt habe. 25 Jahre, ein Vierteljahrhundert. 

 

Wenn meine Jugendfreunde früher lästerten, wie ich es bloß drüben mit den Ossis aushalte, dann habe ich geschwärmt: von der Stadt, die sich permanent verändert und neu erfindet. In der noch nicht jede Nische besetzt und jedes Fell verteilt ist. Von der Freundlichkeit der Bäckerin, des Eisverkäufers, meiner Automechaniker. Leipzig war mein Sehnsuchtsort. Wer mich besuchte, dem zeigte ich stolz die Kellergewölbe, durch die elektronische Musik waberte, die Karl-Liebknecht-Straße mit den Cafés und die Sandstrände und Häfen an ehemaligen Braunkohlelöchern. Leipzig war mein Aufbruch und meine Freiheit. Ich habe in Reportagen und Porträts versucht, für meine Heimat zu werben. Die Sächsische Schweiz, die Altstadt von Görlitz, Wein und Porzellan aus Meißen, das alles faszinierte mich. Ich habe zugehört, wenn Menschen von Brüchen in ihrem Leben, von schwierigen Biografien erzählt haben. Mein Bild vom Osten war nie Schwarz und Weiß. Doch seit einigen Jahren hat sich etwas verändert in meinem Heimatgefühl. Weil sich im Osten etwas verändert hat. Immer öfter stelle ich mir die Frage meiner Freunde selbst: Wie halte ich es aus? Und vor allem: Wie lange noch? Es geht dabei nicht nur um Pegida, aber auch darum. Es geht um alles, letztlich.

 

Die Veränderung kam schleichend, begann vor vielen Jahren. Zuerst begegnete sie mir in meinem Beruf als Journalist. Nach und nach begann ich, auch über Orte zu berichten, in denen Neonazis alternative Jugendliche jagten und schlugen. Über Orte, in denen Jugendclubs sich hinter Bretterverschlägen verbarrikadieren mussten, um nächtliche Angriffe zu überstehen, und über Nachbarn, die darüber schwiegen. Ich saß in den Küchen von Müttern, die fürchteten, ihre Kinder könnten nachts auf dem Nachhauseweg wieder einmal überfallen werden, weil diese es wagten, bunte Kleidung und bunte Frisuren zu tragen. Wer sich gegen jene stellte, die „Sieg Heil“ riefen, galt als Nestbeschmutzer. Und immer wieder taten Behörden bei solchen Straftaten nicht das, was sie tun sollten. Ich schrieb bald öfter über solche Themen, gar nicht weil ich intensiv danach gesucht hätte. Die Geschichten kamen zu mir.

Wenn ich so darüber nachdenke, habe ich mich damit beruhigt, dass all diese sich ständig wiederholenden Zumutungen trotzdem Ausnahmen waren. Hässliche Stationen auf dem anstrengenden Weg demokratischer Entwicklung. Wenn sie im Westen wieder einmal nach den Neonazis im Osten fragten, lautete meine Antwort stets: Ist schlimm, ja. Aber die Leute, die etwas gegen Ausländer haben – oder die das, was Rechtsradikale treiben, zumindest stillschweigend goutieren –, sind in der Minderheit

Doch das ziehe ich mittlerweile in Zweifel. Das laute Schweigen macht mich fertig. Mein Gefühl ist, dass sich die kategorische Trennung in „wir“ und „die“, für die anfangs vor allem Pegida stand, seit der Flüchtlingsfrage nicht nur verschärft hat, sondern dass Pegida-Befürworter immer unverhohlener auftreten, auch in Leipzig, meiner Stadt, die ich stets für wenig anfällig gehalten hatte. Auch den Wahlerfolg der AfD in Sachsen bei der Bundestagswahl halte ich für den Ausdruck einer Radikalisierung. Er fand statt, nachdem Leute wie der Richter Jens Maier ein Ende des „Schuldkults“ um das NS-Regime forderten und gegen eine vermeintliche „Herstellung von Mischvölkern“ polemisierten. Und trotzdem wird überall Verständnis gezeigt für AfD-Wähler. Auch von Kollegen, die sagen: Es sei doch gut, dass endlich ausgesprochen werde, was ja immer da war. Ist es das wirklich? Es stimmt ja, dass man die laute Wut nicht einfach überhören darf. Aber kaum einer fragt noch, wie diese Abwehrreflexe eigentlich wirken. Hätten diese Leute recht – müsste es von Görlitz bis Leipzig dann nicht langsam wieder friedlicher, harmonischer, zufriedener zugehen als anderswo? Weil dann jetzt mal alles raus ist? Das Gegenteil ist der Fall. Wo ich auch hinhöre: Es rumort. Freunde, Bekannte erzählen mir, wie unversöhnlich in ihrer Familie über Flüchtlinge gestritten wird. Eine Flüchtlingshelferin aus Dresden vertraute mir an, dass einige ihrer ehrenamtlichen Kolleginnen zu Weihnachten von der eigenen Familie beschimpft worden seien. Beschimpft, weil sie anderen helfen.

 

Mittlerweile vergeht kaum ein Tag mehr ohne schlimme Nachrichten. In Dresden hetzt eine Frau ihren Hund auf eine 19-jährige Äthiopierin. In Freital verharmlost ein ehemaliger Gastronom und AfD-Politiker die mutmaßlichen Rechtsterroristen der Gruppe Freital als „Lausbuben“. In Wurzen greifen einheimische Jugendliche die Wohnungen von Flüchtlingen an, mehrfach.

Wir sind viele

 

Alles Einzelfälle, die nichts über Sachsen aussagen? Im „Sachsen-Monitor“ werden die politischen Einstellungen der Einheimischen abgefragt. In der jüngsten Ausgabe war zu lesen: Eine Mehrheit sieht das Land als „in gefährlichem Maß überfremdet“ an. Fast die Hälfte der Sachsen wünscht sich „eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“.

Aber muss man sich wundern? Sachsen wird in Sachsen zum Allergrößten hochgejubelt. Morgens gibt’s im Radio das Sachsen-Wetter oder Sachsen-Hits, das Mineralwasser heißt Sachsenquelle, Äpfel kommen von Sachsenobst, zum Schwimmen geht’s in die Sachsen-Therme. Das größte Volksfest heißt „Tag der Sachsen“. Nicht mal das Oktoberfest heißt „Tage der Bayern“. Worin genau aber die sächsisch-deutsche Lebensweise bestehen soll, die ständig beschworen wird, hat mir noch niemand erklären können. Was genau macht das Sachsentum eigentlich aus? Wie unterscheidet sich die sächsische Gemütlichkeit denn eigentlich von der – sagen wir – westfälischen? Vor allem die sächsische CDU setzt seit Jahren auf dieses übersteigerte lokalpatriotische Wir, um Identität zu stiften. Und sie tut das, finde ich, mehr denn je, aus lauter Angst vor der AfD.

 

Der Essay ist zuerst in der Zeit erschienen und online:

 

https://www.zeit.de/2018/14/leipzig-heimat-zugezogen-ostdeutschland-probleme/komplettansicht

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