Das AfD-Dilemma

Nach dem Einzug der AfD in den Bundestag tobt unter Journalisten eine Kontroverse: Haben die Medien mitgeholfen, die Partei groß zu machen? Wurden Gauland und Weidel zu häufig in Talkshows eingeladen? Anstelle von Schuldzuweisungen sollten Journalisten deutlicher aufzeigen, wer die AfD ist, was sie will und welche Folgen das hat. Dazu müssen sie genauer analysieren, intelligenter kritisieren, furchtloser sein. Und sich wieder trauen, wichtige Themen selbst zu setzen.

Sie ist jetzt da. Die AfD wird zur Normalität, obwohl sie alles andere als eine normale demokratische Partei ist. Die vielzitierten 12,6 Prozent haben nicht nur die Politik erschüttert – auch den hiesigen Journalismus. Seitdem tobt die Debatte über den Anteil der Medien am Rechtsruck. Geradezu „herbeigetalkt“ worden sei der, behauptet etwa Spiegel-Online-Kolumnist Georg Diez. Unsinn, sagen Maybrit Illner und Frank Plasberg. Einigkeit herrscht in der Branche vorerst nur darin, dass man nun schnell den richtigen Umgang mit der AfD finden muss.

 

Eine ehrliche Antwort auf die Frage nach dem Wie lautet: Den Königsweg gibt es nicht, wohl aber sinnvolle Korrekturen. Es erscheint notwendig, dass die Berichterstattung analytischer, sachlicher, fundierter und souveräner wird.
Zunächst aber: Es geht für die Medien nicht um Schuld. Vielmehr geht es darum, dass Journalisten ihre Kernaufgabe künftig besser erfüllen: kritische Aufklärung zu betreiben. Je stärker die Normverletzung eines gesellschaftlichen Akteurs, desto mehr kritische Beobachtung braucht es. Und auf der anderen Seite: weniger Empörung bei provozierten Aufregern und fundiertere Analyse. Weniger Angst vor AfD und deren Wählern, dafür mehr Selbstbewusstsein auf der Grundlage intensiver Recherche. Kurz: Es braucht guten Journalismus. Auch, um zu zeigen, wie konstruktiv oder destruktiv die Partei im Bundestag auftritt, aber längst nicht nur dafür.

 

Vor der Bundestagswahl hat Medienwissenschaftler Bernd Gäbler das journalistische Dilemma für die Otto-Brenner-Stiftung analysiert. In der Studie mit dem Titel „AfD und Medien“ wies er auf strukturelle Gemeinsamkeiten der beiden in Hassliebe verbundenen Akteure hin. Die Selektionsregeln der Massenmedien spielten dem populistischen Diskurs in die Karten: „Die Polemik, der Tabubruch und der Skandal eröffnen höhere Chancen auf Publizität als ein regulärer Gang der Ereignisse.“ Der Mechanismus funktioniert immer gleich: AfD-Politiker provozieren etwa mit rassistischen Aussagen. Die Medien berichten empört. Die AfD profitiert, kassiert Aufmerksamkeit und relativiert dann halbherzig den Tabubruch. Gäbler warnt vor dieser „Stöckchen-Falle“ und rät: nicht auf jedes hingeworfene Zitat anspringen.

 

Nur, was folgt daraus konkret? Das journalistische Dilemma zeigt sich exemplarisch an AfD-Fraktionschef Alexander Gauland. Der hatte im Wahlkampf vor Anhängern davon gesprochen, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, in Anatolien „entsorgen“ zu wollen. Und in einer Rede beim Treffen des radikalsten Parteiflügels am Kyffhäuser-Denkmal hatte er das Recht eingefordert, „stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. Das Portal BuzzFeed News hatte einen Video-Mitschnitt entdeckt und publiziert.

 

Verherrlichung des Nationalsozialismus

 

Beide Aussagen Gaulands sind einerseits typische populistische Tabubrüche und Provokationen, andererseits enthalten sie aber auch – worüber weniger geredet wird – rechtsextreme Botschaften. Eine deutsche Staatsbürgerin, überdies Mitglied der Bundesregierung, aufgrund ihrer ethnischen Herkunft wie Müll „entsorgen“ zu wollen – das haben viele Journalisten richtigerweise als zutiefst rassistisch und menschenverachtend bezeichnet. Kaum reflektiert wurde hingegen die Forderung nach dem Stolz auf deutsche Weltkriegssoldaten. Viele Redaktionen zitierten Gauland, ohne zu analysieren, was das eigentlich bedeutet: Die Wehrmacht führte den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg mit mehreren Millionen Opfern, ohne den es den organisierten Völkermord an den europäischen Juden so nicht gegeben hätte. Stolz für diese „Leistungen“ einzufordern, ist eine Verherrlichung des Nationalsozialismus.

 

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