Juni, 2012

Clubsterben durch die GEMA

Viele Musikkneipen und Diskotheken könnten im kommenden Jahr vor dem wirtschaftlichen Ruin stehen. Der Grund: Für sie gelten dann neue Tarife für die Wiedergabe von Unterhaltungsmusik. Die GEMA möchte damit Komponisten und Textdichtern in höherem Maße an den Einnahmen der Clubs beteiligen. Die wiederum befürchten einen Gebührenanstieg von mehreren hundert Prozent.

Radiobeitrag „Clubsterben durch GEMA

Link zum Beitrag beim Deutschlandfunk

 

Sonntag, 3 Uhr früh: Auf der Tanzfläche der Distillery im Süden von Leipzig drängt sich das Partyvolk. Seit 20 Jahren wird hier getanzt und gefeiert, die Distillery zählt zu den ältesten und einflussreichsten Technoclubs in Deutschland. Doch nach Feiern ist Steffen Kache, dem Betreiber des Clubs, momentan nicht zu Mute. Die GEMA hat Tariferhöhungen angekündigt und die seien für Ihn existenzgefährdend. Auf 8.000 € würde die monatliche Belastung für den Veranstalter pro Monat steigen, eine Tarifsteigerung von mehr als 1000 Prozent. Kein Einzelfall, viele weitere Musikkneipen und Diskotheken werden ab dem kommenden Jahr ähnliche Kostensteigerungen hinnehmen müssen. Der Grund: Die GEMA möchte dann jede Veranstaltung einzeln abrechnen – und zwar abhängig von der Größe des Clubs und dem Eintrittspreis.

Pauschaltarife gehören der Vergangenheit an

Bisher hatte die Verwertungsgesellschaft mit den Diskothekenbetreibern Pauschalverträge abgeschlossen. Bis zu 16 Veranstaltungen pro Monat waren damit abgedeckt und das zu einem sehr niedrigen Tarifsatz. Hier will die GEMA schon lange nachjustieren. Das Ergebnis ist ein in ihren Augen gerechterer Tarif, der Januar 2013 in Kraft tritt. Dann fordert die GEMA 10 Prozent der Ticketeinahmen von den Diskotheken. Ein Gebührenanstieg, den Steffen Kache von der Distillery in Leipzig hinnehmen würde, wenn auch zähneknirschend. Doch bei ihm wie auch bei vielen anderen Clubbetreibern greifen Zusatzklauseln im neuen Tarifwerk: Bei Veranstaltungen mit einer Dauer von mehr als 5 Stunden wird alle 3 Stunden ein fünfzigprozentiger Aufschlag fällig. Zusätzlich strebt die Verwertungsgesellschaft der Musikinterpreten, die GVL hohe Tarifsteigerungen an. Dadurch muss Steffen Kache zukünftig nicht ein Zehntel sondern ein Drittel seiner Ticketeinnahmen an die Verwertungsgesellschaften abführen. Um da noch wirtschaftlich arbeiten zu können, müsse er den Eintrittspreis massiv erhöhen – auf 14 Euro. Und das heisst für die Distillery: Ende der Veranstaltung. Denn solche Preise könne man dem Publikum im Osten der Republik nicht abverlangen, so Steffen Kache.

Auch Karnevalvereine sind vom neuen Tarif betroffen

Szenenwechsel: Glauchau, eine typische Kleinstadt im Südwesten von Sachsen. Günter Steinert sitzt im Elferratszimmer des städtischen Theaters. An den Wänden hängen zahllose Bilder – Höhepunkte aus 4 Jahrzehnten Karnevalkultur in der Stadt. Günther Steinert ist Präsident des Glauchaer Carnevalclub. Trotz knapper Kassen stellt der Verein jedes Jahr 5 Karnevalveranstaltungen für insgesamt 2000 Zuschauer auf die Beine.

Bisher führt der Glauchaer Carnevalclub 12% seines Budgets an die Verwertungsgesellschaften ab. Ähnlich wie bei der Distillery in Leipzig erhöht sich dieser Betrag im kommenden Jahr auf 30% des Gesamtbudgets. Mehr Geld für die Verwertungsgesellschaften bedeutet weniger Geld für die Veranstaltung. Und so überlegt Günther Steinert krampfhaft, an welchen Ecken und Enden er nächstes Jahr sparen soll. Die Vorstellung, aus Kostengründen die Liveband ausladen oder auf Dekoelemente verzichten zu müssen, macht Günther Steinert wütend.

Die Veranstalterszene in heller Aufregung. Auch Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Deutsche Hotel und Gaststättenverbandes, kurz DEHOGA ist alarmiert. Der Verband vertritt im Tarifstreit mit der GEMA die meisten Musikveranstalter. Normalerweise reden DEHOGA und GEMA miteinander, wenn es um die Ausgestaltung neuer Tarifmodelle geht, doch in diesem Frühjahr sah sich Ingrid Hartges gezwungen, die Verhandlungen mit der GEMA abzubrechen. Zu groß seien die Differenzen gewesen. Grundsätzlich befürwortet der DEHOGA Abgaben an die Verwertungsgesellschaften, doch nicht zu den von der GEMA festgelegten Konditionen. Denn bei denen sei in keinster Weise die Angemessenheit gewahrt, betont die resolute Berlinerin. Die Tarifpolitik der GEMA nach dem Motto “Friss oder Stirb”, das funktioniere bei der DEHOGA nicht.

Ingrid Hartges befürchtet, dass sich mit den neuen Tarifen die GEMA-Abgaben für die Mehrzahl aller Veranstalter signifikant verteuern und dadurch einige Betriebe vor dem Aus stünden. Die GEMA dagegen behauptet, ab 2013 60% der Musikveranstalter zu entlasten. Eine Bedrohung seien die neuen Tarife für die deutsche Club- und Vereinswelt also nicht, erklärt Jürgen Baier von der GEMA. Denn “ein Club mit 300m² und ohne Eintritt zahlt insgesamt am Abend insgesamt 66€. Und wenn ein Club 66€ nicht mehr bezahlen kann, dann liegt es nicht mehr an der Urheberrechtsvergütung.” Ein Clubsterben durch die neuen GEMA-Tarife schliesst Jürgen Baier kategorisch aus.

Tarife kommen trotz Gerichtsverfahren

Die GEMA hat inzwischen ein Schiedsstellenverfahren beim Deutschen Marken- und Patentamt beantragt. Dort könnten die von der GEMA angedachten Tarife binnen eines Jahres bestätigt werden. Danach steht der GEMA und der DEHOGA der Gang vor die Gerichte offen – eine jahrelange juristische Auseinandersetzung gilt als sehr wahrscheinlich.

Ab 2013 gilt bis zur endgültigen richterlichen Entscheidung dennoch der neue, von der GEMA festgelegte Tarif für die Musikveranstalter – mit möglicherweise verheerenden Folgen für die Clubszene in Deutschland.

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